Wir leben in einer Welt des Betrugs. Und der grösste Betrüger ist zugleich Präsident des mächtigsten Staates. Lüge und Betrug finden statt, obwohl wir alle sie erkennen. So sieht das Peter Licht. Der deutsche Popmusiker, Autor, Kapitalismuskritiker und Kolumnist hat sich für das Theater Basel einen berühmten Betrüger der Theaterliteratur vorgenommen: Molières «Tartuffe».

Das Stück um den gleichnamigen Heuchler, der den Grossbürger Orgon hörig macht und in den Ruin treibt, war vor 350 Jahren ein Skandal. Konservative Kreise am französischen Königshof sorgten dafür, dass Molière das Stück zweimal umschreiben musste.

Autor Licht hat nun «Tartuffe» umgeschrieben. Bei ihm lautet der Untertitel nicht «Der Betrüger», sondern «Das Schwein der Weisen». Es ist Lichts dritte Überschreibung eines Molière-Stücks, die Zweite bereits für Basel. 2016 wurde hier seine Fassung von «Der Menschen Feind» uraufgeführt. Damals wie heute führte Claudia Bauer Regie.

Popdiskurs und Klatsch

Neben der Technik der Stücküberschreibung kommt in dieser Inszenierung eine weitere zum Einsatz, die eine Art Markenzeichen des Hauses zu sein scheint: die Drehbühne. Auf sie stellt Andreas Auerbach die dreistöckige Fassade eines Bürgerhauses. Die Rückseite ist Bühnengestell und Garderobe. Schein und Sein drehen sich im Kreis, wobei das Geschehen auf der jeweiligen Kehrseite auf einem Video-Screen sichtbar wird. Das Ensemble trägt knalligen Barock, aufgeplusterte Biederkeit.

Autor Licht hat Molières Erzählgerüst vollkommen ausgeweidet und neu gefüllt. Seine Sprache ist eine luzide Mixtur aus intellektuellem Popdiskurs und trashigem Klatsch. Das Ensemble spricht sie mit atemberaubendem Tempo und virtuoser Intonation. Mit Formulierlust und Rhythmusgefühl legt Licht den Schauspielerinnen und Schauspielern Wortstrudel in den Mund, die wahnwitzig um einzelne Begriffe kreisen.

Bereits der Beginn verliert sich in einer Endlosschlaufe. Soll die Mutter von Orgon nun reinkommen oder rausgehen, wenn sie doch das Rausgehen schon beim Reinkommen in sich trägt? Die Diskussion artet aus.

Und so geht das weiter. Es gibt die Orgie des Warums und überhaupt viele ungeklärte Fragen: Beispielsweise diejenige, ob Orgon, hier Orgi, nun geil, ungeil oder mittelgeil ist. Was wiederum im Disput darum gipfelt, ob das Geile im Ungeilen stattfinden kann, kontrastiert mit der Frage, ob Gummibärchen nun gestanzt oder geschöpft werden.

Nichts kommt auf den Punkt. Alles ufert aus ins Hyper-Banale. So auch, wenn Orgi seine Tochter von den Vorzügen Tartuffes überzeugen möchte. Der Disput dreht sich wie von Zauberhand plötzlich um Nasenhaar-Extensions. Willkommen in der Welt von Orgi, hinreissend schwammig gespielt von Florian von Manteuffel.

Seine Figur hat sich in die «Gemitteltheit der Dinge» geflüchtet und kommt nun aus dieser langweiligen, mit Sprache vollgemüllten Mitte nicht mehr raus. Sein Leiden gipfelt im Song-Refrain «Ich bin ein Leih-Bonbon im Land der Lutscher.»

Das Schwein der Weisen

Da endlich erscheint Tartuffe. Eine unheimliche, fette, versiffte Gestalt mit Schweinekopf. Auf ihm ruht die Hoffnung. Denn er macht und sagt Neues, verabscheut die Mitte, predigt den inneren Mann, auch für die Frau, lässt seinen Riesenschwanz raushängen und gesteht, dass er gar nicht anders könne, als in Penissen zu denken. Es ist klar, welche Berühmtheit hier gemeint sein könnte. So einfach macht es uns dieser Tartuffe jedoch nicht.

Auch er, der Inbegriff des Bösen, entpuppt sich als Schein, als Maskerade. Was wiederum ein Masken Ringelreihen bei Orgons Familie zur Folge hat. Niemand und Nichts ist, was es scheint. Hinter Lüge und Betrug ist keine Wahrheit zu finden, sondern wiederum nur Ungewissheit. Am Ende entpuppt sich das ganze Stück als Übungsanlage eines Selbstoptimierungskurses.

Und so treiben Peter Lichts Figuren melancholisch den imaginären Fluss hinunter, wie einst Moses im Körbchen. Sie werden jedoch kein Volk ins gelobte Land führen. Ihnen bleibt nichts, als wieder von vorne zu beginnen. Nochmals hören wir das Endlosgeplapper des Anfangs. Der Mensch muss weiterspielen. Auch wenn er nicht erkennen kann, worum hier gespielt wird.

«Tartuffe» Theater Basel.