Manche Bücher, die man gekauft hat oder geschenkt bekam, lässt man liegen und reifen wie einen Rotwein, bis die Zeit kommt. So erging es mir mit Elias Canettis Lebensgeschichte. Ich hatte die drei Bände heimlich der Mutter stibitzt und vorsorglich bei meinen Büchern eingereiht. Dort rührte ich sie Monate nicht an. Trotzdem hatte ich die Gewissheit, dass ich diesem Schriftsteller verfallen würde.

Der Umschlag des zweiten Bandes zeigte eine wuselnde Stadt der Vorkriegszeit. In hellroten Lettern stand darauf «Elias Canetti. Die Fackel im Ohr». Ich empfand den Titel wie den Namen des Autors geheimnisvoll, sinnlich, gerade so sperrig, um noch interessant zu sein, ohne ins Prätentiöse zu kippen.

Als die Bücher genug lang in meinem Regal standen, sodass wir uns sozusagen entgegenreifen konnten, ich war 16 Jahre alt, begann ich mit den frühen Jahren des Elias Canetti. Es war nicht nur eine Reise in eine Kindheit, mit den Erinnerungen des Autors stieg ich in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Dahinter stand keine natürliche Veränderung, so wie sich ein Mensch, ein Dorf, eine Landschaft wandelt, sondern eine beispiellose Auslöschung im Zweiten Weltkrieg.

Der kleine Elias kam 1905 in Rustschuk, an der unteren Donau, zur Welt. Neben Bulgaren lebten dort Türken, Armenier, Zigeuner und Sephardim, wie die um 1500 von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden hiessen. Zu ihnen gehörten die Canettis. Wie viele andere fanden sie Zuflucht im Osmanischen Reich. Die sephardischen Juden hatten nicht nur ihren Glauben bewahrt, sie sprachen immer noch das altertümliche Spanisch ihrer Vorfahren.

Sprachen. Die Kindermädchen redeten ausschliesslich Bulgarisch, die Eltern untereinander Deutsch. Sie hatten in Wien studiert, und es war ihre Liebessprache, die sie den Kindern vorenthielten. «Unter den vielen heftigen Wünschen dieser Zeit blieb es für mich der heftigste, ihre geheime Sprache zu verstehen», bekennt Canetti. Der Wunsch sollte ihm später erfüllt werden, wenn auch als brachialer Akt. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihren drei kleinen Buben zuerst zu Verwandten nach England, dann machte sie kurz Station in Lausanne, wo sie dem Achtjährigen innerhalb weniger Wochen Deutsch regelrecht einpeitschte. «Es war eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache.»

Als Student und angehender Schriftsteller begegnet Canetti dem «grössten Satiriker der deutschen Sprache»: Karl Kraus. Er habe ihn «das Hören gelehrt», erklärte Canetti 1981 anlässlich seiner Ehrung durch das Literaturnobelpreis-Komitee . In ihm findet er den Zuchtmeister, den Scharfrichter der Sprache, der das Geschwätz seiner Zeitgenossen gnadenlos zerlegte: «Er sagt nicht nur dummes Zeug, sondern sagt es auch schlecht.» Es ist die Sprache, die das – mangelhafte – Denken dahinter entlarvt.

Im Ersten Weltkrieg zieht die Familie nach Zürich, wo Canetti das Gymnasium besucht und sich für die Freiheitsgeschichte der Eidgenossen begeistert. Er entdeckt den «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller, die Schriften Robert Walsers, C. F. Meyers Novellen. Mit der Mutter zerstreitet er sich über Gotthelf, den sie nicht kannte und ablehnte, wie überhaupt seine ganze «Passion für alles Schweizerische». «Du wirst eng und eingebildet», hielt sie ihm vor, «dafür habe ich nicht mein Leben geopfert.»

So wie ich beglückt war, dass sich ein Geist wie Canetti am Schweizerischen entzündet hatte, litt ich an der Zurückweisung durch die Mutter und der Zwangsübersiedlung nach Deutschland. «Vielleicht wäre ich glücklich geblieben, hätte sie mich nicht fortgerissen», schreibt Canetti später. «Es ist aber wahr, dass ich andere Dinge erfuhr als die, die ich im Paradies kannte. Es ist wahr, dass ich, wie der früheste Mensch, durch die Vertreibung aus dem Paradies erst entstand.» Seine letzten Lebensjahre verbrachte Canetti wieder in Zürich. Als Student sah ich ihn, sein mächtiger Löwenkopf ist mir unvergesslich. Er war zurück in seinem Paradies, das vielleicht keines mehr war.