Gibt es eine historische Wahrheit? Fraglich, eher nein. Aber es gibt Voraussetzungen, unter denen Historiographen der Wahrheit am nächsten kommen: Sie müssen Entwicklungen aus ihrer Zeit heraus beurteilen. Und sie müssen Zugang zu möglichst allen Akten und Aussagen haben, die aus jener Zeit existieren. Der Brugger Historiker Titus J. Meier erfüllt in seinem akribisch recherchierten Werk über die «Geheimarmee» P-26 diese Voraussetzungen weitgehend. 2009 hat der Bundesrat die Geheimhaltung über die Gruppe, welche den Widerstand im Fall einer Besetzung der Schweiz vorzubereiten hatte, aufgehoben. 2016 schliesslich – Meier war längst an der Arbeit – wurden praktisch alle Akten und Archivbestände zum «Projekt 26» zugänglich. Verschlossen blieben einzig heikle Personaldossiers.

Eindrückliche Kleinarbeit

Meier hatte also, als Erster, ideale Voraussetzungen für diese Arbeit. Was er geleistet hat, ist trotzdem nicht selbstverständlich. In eindrücklicher Kleinarbeit hat er über mehr als ein Jahrzehnt (schon seine Lizenziats-Arbeit 2010 handelte vom Thema) über hundert Personen befragt und Tausende Akten ausgewertet, um der Wahrheit im Fall P-26 nahezukommen. Herausgekommen ist etwas, was die sensationshungrige Öffentlichkeit nicht so gern hat: Relativierung eines Skandals, Entmystifizierung eines politisch aufgeheizten Feindbildes.

Feind: rot und von Osten

Meier hat aber nicht nur die P-26 (sie existierte von 1979 bis 1990) untersucht. Vielmehr hat er für ein halbes Jahrhundert (1940 bis 1990) alle geheimen und bekannten Widerstandsvorbereitungen bei einer allfälligen Besetzung der Schweiz in all ihren militärischen und politischen Formen aufgearbeitet. Ebenso hat er sich ausführlich mit dem politischen Umfeld befasst, welches zur Gründung der P-26 geführt hat. Es herrschte Propagandakrieg zwischen zwei waffenstarrenden Blöcken, und man fürchtete auch in der Schweiz einen sowjetkommunistischen Angriff auf Westeuropa. 1990 war dann alles anders: Der Zusammenbruch des Ostblocks nährte Entspannungshoffnungen. Und die Aufdeckung der Fichen-Affäre – die Bundesanwaltschaft hatte über Jahrzehnte 900 000 Angehörige vorab des links-alternativen Spektrums überwacht – nährte die Wut auf staatliche Kommunistenhatz. Der Bundesrat liquidierte die P-26 sofort.

Nie verfassungswidrig

Meier rückt im Wesentlichen folgende «fake news» über die P-26 zurecht, die vor allem im linken Lager gehegt und gepflegt wurden und werden:

Die P-26 war keine Geheimarmee, sondern eine übers ganze Land verteilte Kaderorganisation von unbescholtenen Männern und Frauen, welche im Besetzungsfall den Widerstand der Bevölkerung aktivieren sollten.

Die P-26 bewegte sich nie ausserhalb der Verfassung. Sie war Teil der Bundesverwaltung (nicht der Armee) und wurde aus Bundesmitteln finanziert. Eine kleine Parlamentariergruppe bildete ein – wenn auch schwaches – Aufsichtsorgan. Die Geschäftsprüfungskommission des Parlamentes war grob informiert.

Die P-26 kooperierte nicht mit ausländischen Widerstandsorganisationen. Mit dem britischen Geheimdienst MI 6 bestand allerdings eine Ausbildungs-Vereinbarung.

Die P-26 hatte keinen Kampfauftrag und keine eigenen Waffen und Munition.

Ein Auftrag zur «Selbstaktivierung» oder zum Einsatz gegen einen inneren Feind bestand nie.

Der Autor befasst sich auch ausführlich mit der Arbeit der PUK EMD, der parlamentarischen Untersuchungskommission für das Militärdepartement, welche den «Skandal» 1990 aufzuarbeiten hatte. Diese, noch nicht im Besitz aller Akten, hat nach Meiers Überzeugung eine vorwiegend politische Be- oder Verurteilung der P-26 vorgenommen, die beim heutigen Wissensstand nicht mehr haltbar ist. Ebenso beleuchtet Titus Meier die Skandalisierungs-Mechanismen der damaligen Medien, welche sich in einen durch Halbwissen genährten Enthüllungsrausch hineinsteigerten.

Tatsachen und Meinungen

Das 591 Seiten dicke Buch ist eine wissenschaftliche Publikation zur Erlangung der Doktorwürde. Ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis und fast 2000 Anmerkungen zeugen davon. Doch Meier bemüht sich jederzeit um Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit seiner Ausführungen. So ist das Werk auch interessierten Laien zu empfehlen.

In der kurzen Zeit seit Erscheinen des Buches meldeten sich bereits einige Politiker linker Provenienz und Journalisten, die schon damals die Feder führten, zu Wort. Ihr Tenor: Die «Reinwaschung» durch den FDP-Politiker und Generalstabsoffizier Meier gehe zu weit. Dem ist jedoch entgegenzuhalten: Der Autor stützt seine Befunde bis ins kleinste Detail mit Akten und Fakten. Er verlängert nicht den Meinungsstreit, sondern er bringt zahllose Beweisstücke, die zeigen, was tatsächlich passiert ist. Damit hat Titus Meier die Aufgabe des Historiographen solide erledigt.