Saison Courbet
Diese radikale Enthüllung blieb jahrelang verborgen

Die Kunst hat immer schon die nackte Wahrheit gesucht und oft genug im nackten Menschen gefunden. Gustave Courbets überwältigendes Werk «L’Origine du monde» sticht da aber besonders heraus. Eine Betrachtung.

Matthias Zehnder
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Gustave Courbets Bild «L’Origine du monde» – von einer Frau betrachtet.

Gustave Courbets Bild «L’Origine du monde» – von einer Frau betrachtet.

Kenneth Nars

Von Sandro Botticellis «Geburt der Venus» aus dem Jahr 1486 über die «Nackte Maya» von Francisco Goya 1797 bis zu den vielen Badenden von Paul Cézanne sind auf Hunderten von Gemälden hüllenlose Frauen zu sehen. Kein Maler hat das Geschlecht jedoch so rüde ins Zentrum gesetzt wie Gustave Courbet. Botticelli lässt seiner Venus das Haupthaar über die Scham fallen. Goyas Maya räkelt sich zwar hüllenlos auf den Kissen und verschränkt dazu die Arme aufreizend hinter dem Kopf, die Beine jedoch hat sie geschlossen. Cézanne schliesslich hat die Körper schon so stilisiert, dass die Nacktheit mehr im Kopf des Betrachters stattfindet.

Courbet dagegen malt naturalistisch genau und lässt dabei alles weg, was eine Frau sonst ausmacht. Da ist kein Kopf, da sind keine Füsse. Übrig bleiben zwei Beine, die Schenkel sind geöffnet, der Blick fällt unwillkürlich dazwischen. Kurz: der Betrachter hat die Perspektive eines Gynäkologen. Doch die Frau strahlt dabei jene stille Laszivität aus, wie sie sonst nur auf Bildern von Renoir zu finden ist. Das Resultat ist radikale Offenheit – und doch Geheimnis. Eine genitale Mona Lisa: So, wie deren Lächeln letztlich unergründbar und unfassbar bleibt, verbirgt sich auf Courbets Bild das Innerste im Dunklen.

Ist das Pornographie? Nein. Dazu ist das Bild zu sachlich, zu statisch, nicht auf einen Effekt hin gemalt. Ist es Aufklärung? Auch nicht. Dazu ist es schlicht zu überwältigend. Was ist es dann?

Die Geschichte des Bildes

Es ist ein Rätsel. Ob Courbet das Bild so gemalt hat, ist nämlich alles andere als sicher. Der deutsche «Spiegel» und die französische «Paris Match» haben 2013 darüber informiert, dass der Kopf des Bildes gefunden worden sei. Die These: Courbet hatte das Bild als persönliche Studie gemalt. Als sich der türkische Diplomat Halil Serif Pascha, auch bekannt als Khalil-Bey, für das Gemälde interessierte, verkaufte Courbet ihm nicht das ganze Bild. Er schnitt dem Bild den Kopf ab, der türkische Diplomat erhielt nur den Unterleib. Vielleicht griff Courbet zum Messer, weil er die Identität des freizügigen Modells schützen wollte – laut «Paris Match» handelte es sich bei dem Modell um Joanna Hiffernan, Courbets irische Geliebte.

Vielleicht hat Courbet aber auch schon vorher mit dem Messer das Bild aus künstlerischen Gründen radikalisiert. Darauf deutet jedenfalls der Titel des Gemäldes: «L’Origine du monde» heisst das Bild, also «Der Ursprung der Welt». Der Titel ist doppeldeutig. Einerseits nimmt die Welt in der Begierde ihren Anfang, andererseits ist die Vagina auch der Geburtskanal und damit «Ursprung» jedes menschlichen Lebens.

Sicher ist, dass Khalil-Bey das Bild nicht lange besass. Er war zwar sehr vermögend und baute in Paris eine Gemäldesammlung von mehreren hundert Werken auf, darunter Bilder von Delacroix, Rousseau, Ingres und Courbet. Die Sammlung befand sich in seinem Palais 1–3 Rue Taitbout, dem früheren Hôtel de Brancas. Doch 1868 war Khalil-Bey gezwungen, die Bilder zu verkaufen, um seine Spielschulden decken zu können. Auf Umwegen gelangte Courbets Bild deshalb nach Ungarn, überstand den Zweiten Weltkrieg in einem Tresor und wurde nach dem Krieg zurück nach Paris geschmuggelt. Da kaufte es 1955 der Psychoanalytiker Jacques Lacan. Er hängte es in seinem Landhaus in Guitrancourt auf. Nach seinem Tod beglich seine Lebenspartnerin unter anderem mit dem Bild die französische Erbschaftssteuer. Seit 1995 hängt das Gemälde deshalb im Musée d’Orsay.

Enthüllung – Verhüllung

130 Jahre nach seiner Entstehung wird das Gemälde im Musée d’Orsay zum ersten Mal offen gezeigt. Denn Courbet und Khalil-Bey haben das Bild geheim gehalten, in Ungarn lagerte es in einem Tresor und auch Psychoanalytiker Lacan hatte es versteckt. André Masson baute auf Wunsch von Lacan einen verschiebbaren Holzrahmen und bemalte ihn mit einer stilisierten Landschaft, welche den Konturen des verhüllten Bildes folgte und, um die Verwirrung komplett zu machen, denselben Titel trug: «L’Origine du monde». Die Enthüllung, die Courbet vornahm, war so radikal, dass das Bild lange vor Blicken weitgehend verhüllt blieb.

Im Musée d’Orsay ist das Bild jetzt zwar der Öffentlichkeit zugänglich, es provoziert aber auch im Jahr 2014 noch heftige Reaktionen und wird deshalb ständig bewacht. So hat sich zum Beispiel die Luxemburger Performance-Künstlerin Deborah de Robertis am 29. Mai 2014 vor das Bild im Musée d’Orsay auf den Boden gesetzt und ihre Vagina entblösst. Es dauerte nicht lange und sie wurde von Wärtern abgeführt und später von der Polizei in Gewahrsam genommen. Indem sie das Bild nachstelle, gebe sie dem Objekt den Blick zurück, erklärte de Robertis danach in einem Interview.

Und jetzt hängt «L’origine du monde» also in der Fondation in Riehen. Da ist es alles andere als versteckt: Die Fondation hat das Gemälde als Sujet für die Einladungskarten zur Vernissage gewählt. So verschaffen sich Basels Honoratioren am Samstag mit dem Bild einer klaffenden, weiblichen Scham Zutritt zur neuen Ausstellung. Es ist zu vermuten, dass so mancher Vernissage-Gast die Karte verschämt vorweisen wird.

Was das Bild auslöst

Die emotionalen Reaktionen auf Bild und Karte lassen sich nur mit dem komplexen Verhältnis von Scham und Peinlichkeit erklären, wie es Ulrich Greiner in seinem Buch «Schamverlust» beschrieben hat. Scham ist eine intime Regung. Es ist die Reaktion auf eine innere Schande, eine Verfehlung vor Gott, vor dem Über-Ich oder auch dem moralischen Selbst. Peinlichkeit ist so gesehen eine oberflächlichere Reaktion und setzt immer eine beobachtende Öffentlichkeit voraus. Peinlichkeit kann ohne Scham auftreten, Scham aber nie ohne Peinlichkeitsgefühl. Oder anders: Scham ist das Resultat der Verletzung sittlicher oder ethischer Normen, Peinlichkeit die Folge der Abweichung sozialer Konvention. Scham ist das Resultat einer Selbstbewertung, Peinlichkeit die Folge einer (eventuell auch nur vermeintlichen) Fremdbewertung.

Als Gustave Courbet «L’Origine du monde» malte, war das Bild eine krasse Grenzüberschreitung. Es verletzte wohl nicht nur eine gesellschaftliche Konvention, sondern auch ethische Werte. Vielleicht hat Courbet das Bild nicht nur zum Schutz des Modells enthauptet, sondern auch aus Scham: Er konnte der so rüde Entblössten nicht in die Augen schauen.

Heute löst das Bild nicht mehr Scham aus, sondern eher Peinlichkeit. Wir müssen uns unserer Nacktheit nicht mehr schämen. Wirklich intim und privat sind nicht mehr Geschlechtsteile, sondern seelische Regungen. Die grosse Schande, vor der wir uns heute fürchten, ist die innere Entblössung. Dies deshalb, weil wir die Reaktion der Aussenwelt fürchten. Und das ist nicht Angst vor Scham, sondern Angst vor Peinlichkeit. Das ist der Grund, warum Scham heute peinlich ist.

Gustave Courbets Bild öffentlich zu zeigen, ist heute kein Problem mehr. Zum Problem werden könnte es, das Bild zu betrachten. Denn mit diesem Bild exponieren sich nicht diejenigen, die das Bild ausstellen, sondern jene, die es betrachten.

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