Fraubrunnen
Die zeitlebens verborgenen Facetten

Für seine Bilder war der Fraubrunner Künstler Kurt Graber weitherum bekannt. Nun aber rücken seine bislang ungesehenen Skizzenbücher ins Rampenlicht. Sie sind ein intimes Abbild seines Lebens.

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Kurt Graber

Kurt Graber

Berner Rundschau

Marisa Cordeiro

Sie ist die Antwort auf die Frage, die auf seinem letzten Notizblock stand: «Was geschieht mit meinen Bildern?» Die Ausstellung zum Gedenken an den 2005 verstorbenen Fraubrunner Künstler Kurt Graber zeigt einen Querschnitt durch sein Werk. «Ich denke, es ist auch in seinem Sinne, die Bilder nochmals zu zeigen», sagt seine Frau Elisabeth Graber und fügt einen Moment später nachdenklich an: «Es ist gut möglich, dass wir hiermit unsere Kompetenzen etwas überschreiten.»

Beim Sortieren seines Nachlasses nämlich kamen Kurt Grabers Notiz- und Skizzenbücher zum Vorschein. Genau sie, die zeitlebens nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, rücken nun ins Rampenlicht. Seine Frau sagt: «Es ist uns ein Anliegen, diese Seiten den Leuten auch noch zu zeigen.»

Skizzen wie Schnappschüsse

«Auch er war stolz auf sie», sagt sein Bruder Fred Graber. Er gehört, nebst seiner Frau und den beiden Kindern Therese und Christoph, zu Kurt Grabers engsten Wegbegleitern. «Wir fühlten uns stets sehr verbunden», erzählt Fred Graber. Wobei sein Bruder immer der angepasstere und ein mustergültige Schüler gewesen sei. «Ich war eher das ‹Enfant terrible›, für dessen Mätzchen sich Kurt bisweilen genierte. Ich hatte dafür keine Zeit», erzählt der 69-Jährige heute und lacht. Sein Bruder sei eigentlich nicht der Strahlemann gewesen, für den ihn die meisten Leute hielten. «Er war manchmal sehr nachdenklich», sagt Fred Graber.

«Seine Energie hingegen spürt man in seinen in seinen Skizzen», sagt Fred Graber. Sie wirken wie Schnappschüsse, unmittelbar, intuitiv, unbeschwert. «Sie leben und zeigen Kurts Wahrnehmung der Welt. Es sind Eindrücke und im Unterschied zu seinen Bildern sind sie nicht zweckbestimmt.»

Es sei vorgekommen, dass sein Bruder zu ihm gesagt habe: «Du hast keinen grossen Bezug zur bildenden Kunst, nicht wahr?» «Doch das stimmte nicht», entgegnet Fred Graber. Akriebisch ausgestaltete Bilder hätten auf ihn eine geringere Wirkung. «Doch Kurts Skizzen sind etwas anderes. Dieses Schaffen bewundere ich sehr.»

Wohin sein Bruder auch gegangen sei, erzählt Fred Graber, immer habe er sein Notizbuch bei sich gehabt. Musste er geschäftlich ins Ausland, zeichnete er im Flugzeug. Worum seine Gedanken kreisten - «Was erwartet mich wohl nach der Landung, am Reiseziel?» - die Worte schrieb er darunter. So wurden die Skizzenbücher zum intimen Abbild seines Lebens.

Mit Kugelschreiber im Regen

Kurt Graber zeichnete in Kürzestzeit, mit kalten Fingern, mit Kugelschreiber in nassen Schuhen im Regen stehend bei Wind und Wetter. Während seine Familie beim Spielen war, zeichnete er «Scrabble macht Kopfzerbrechen». Kurt Graber malte seine Heimat, seine Reisen, seine Mitmenschen, Blumen, Stilleben, Dächerlandschaften und sein immer wiederkehrendes Wegmotiv, mit meist irgendwo verschwindend kleinen Menschen drauf. «Das zeigt wohl in welchem Verhältnis er die Menscheit zur Natur sah», sagt Elisabeth Graber.

Kurt Graber malte seit Kindesbeinen an und brachte sich sein Können selber bei. Doch nahm er auch Unterricht bei bekannten Namen. Er zeichnete mit Bleistift, mit Touche, mit Kreide oder Oel, aber auch Aquarelle, mit eigener und erlernter Technik. Für seine Familie aber sei es nicht immer einfach gewesen, sagt Fred Graber. Sein Bruder habe sich seine Freiheit erkämpft. So habe er sich etwa in den Ferien, in der Provence ein Auto gemietet, um alleine loszuziehen. Das Malen sei im wahrsten Sinne des Wortes seine Leidenschaft gewesen. So sind unterhalb des «Blumenstrauss» von 1986 auch die notierten Worte: «Ist malen eine Droge?» zu lesen.

Ausstellung

Heute Abend findet um 19 Uhr im Schlosskeller Fraubrunnen die Vernissage statt. Die Ausstellung dauert bis am 17. Mai 2009. Sie ist jeweils wiefolgt geöffnet: Freitag von 19 bis 21 Uhr, Samstag von 15 bis 18 Uhr und Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr.
Weitere Infos unter www.schlosskellerfraubrunnen.ch

Innere Zerissenheit

In einer Position des mittleren Kaders bei der SBB habe Kurt entsprechend verdient. Erfüllt habe ihn diese Arbeit nie restlos. Eine Notiz von 1980 - «Wann werde ich mich endlich entscheiden?» - sei ein Indiz dafür, dass er zeitlebens mit einer inneren Diskrepanz zu kämpfen hatte. Fred sagt, diese Zerrissenheit zwischen Brot, Beruf und Passion widerspiegle auch der Vergleich zwischen Kurt Grabers lockere Skizzen und seinen ausgearbeiteten Bildern. Kurts Berufung sei nicht seine Arbeit, sondern sein bildnerische Schaffen gewesen.

1999 schliesslich liess er sich frühpensionieren, um seine Sehnsucht endlich ungehindert zu stillen: Doch aufgrund einer Krebserkrankung wurde ihm dieser Traum nur noch kurze Zeit erfüllt.

In all den gemeinsamen Jaren hat Elisabeth Graber die Bilder ihres Gatten lesen gelernt. Es war im 2002, als sie einst unerwartet in sein Arbeitszimmer trat. Da war er gerade dabei, die «Erntezeit» zu malen, erinnert sie sich: «Ich war bestürzt, als ich das Bild sah. Dann wusste ich, dass sein Leben gefährdet war.» Deshalb erfülle sie das Bild beim Betrachten heute mit Wehmut, obschon es ihr doch gefalle.