Ihr zweiter Satz zum Journalisten: «Meine Bücher haben den Preis gewonnen, nicht ich; so schön, habe ich ihn für mein gesamtes Werk erhalten.» Der erste Satz war: «Ich habe 39 Aschenbecher im Haus.» Der vielleicht zwanzigste Satz: «Ich will in der Literatur Grenzen auflockern und verschiedene Gattungen zusammenführen.» Zsuzsanna Gahse will bei ihren Lesern Bilder anstossen, will ihre Leser zu Sätzen verführen. Denn die Sprache ist zentral in ihrem Schreiben. Die Jury des Grand Prix Literatur, die am Donnerstag bekannt gab, dass Gahse den mit 40 000 Franken dotieren Hauptpreis gewinnt, lobt, wie sich das Werk dieser Schriftstellerin im «Zwischenraum zwischen Prosa und Poesie» bewegt.

Zsuzsanna Gahse liebt die Sprache, die Wörter und Sätze als Material. Sie lotet ihren Klang aus, ihre Melodien; sie setzt Sprache ein, um Rhythmus und Tempi zu variieren. «Die Sprache ist ein Teil der Musik», sagt sie. «Oder umgekehrt.»

Im Kopf Geschichten hochfahren

Ihren ersten Roman hat sie mit vierzehn geschrieben, 1960. Vier Jahre davor war ihre Familie aus Budapest nach Wien geflohen. «Ich fand die deutsche Sprache sogleich schön, lernte sie in Windeseile.» Über Kassel, Stuttgart und Luzern kam sie vor zwanzig Jahren in den Thurgau. Ihrem Wohnort Müllheim mit der Durchgangsstrasse, an der sie lebt, widmete sie das Buch «Durch und durch. Müllheim/Thur» und liess da ihre Figuren von einem Theaterstück auf dem Kirchplatz träumen. Über vierzig Bücher hat Zsuzsanna Gahse inzwischen veröffentlicht, daneben zahllose Essays, Reden wie die «Erzählinseln» 2008 für Dresden und andere Veröffentlichungen. Ihr nächstes Buch soll im Herbst erscheinen. Als sie 2017 den Italo-Sevevo-Preis erhielt, bezeichnete Wolfgang Hegewald in seiner Laudatio das Denkbild als Prosakategorie, die Zsuzsanna Gahse gerecht werde, also das Zusammenspiel von erzählerischer Anschaulichkeit und intellektueller Tiefenschärfe.

Sobald Zsuzsanna Gahse morgens aufsteht, denkt sie nach, macht sich einen Kaffee, löst ein Kreuzworträtsel. «Ich sammle Wörter, die ich irgendwann verwenden kann, das beruhigt mich.» Beim Schreiben sei sie glücklich und unglaublich diszipliniert. «Ich fahre im Kopf Geschichten hoch, muss mich auch selber übersetzen, wenn ich nach Synonymen suche.»

Zwischen Prosa und Poesie

Epische Länge mag die Autorin nicht, dafür Gedankensprünge und Sprachbilder. «Ich möchte gern ein Buch über Veränderungen schreiben», sagt sie zum Beispiel – und meint wieder die Wörter und wie sie sich im Mund ändern, je nach Sprecher und Sprache. «Eigentlich interessieren sich alle Menschen für Wörter.» Sie sagt auch diesen Satz: «Es ist schön, das Schreiben.» Er war der erste Satz in ihrem ersten Buch «Zero».

Sie denkt gern um die Ecke. Das beginnt bei den Titeln ihrer Werke: «Berganza», «Erzählinseln», «Nichts ist wie», «Südsudelbuch», «Donauwürfel». Und «Instabile Texte» bezeichnet genau die von ihr geschaffene Gattung, die von semantischen Vexierbildern lebt und mit der sie Räume und Verhältnisse auf ihre Instabilität hin untersucht: «Nichts ist wie. Etwas, das wie ist, ist weder so noch so.» Zsuzsanna Gahse nimmt die Welt wörtlich, angetrieben von einer Erkenntnislust. Sie liest liebend gern, holt Georges Perec hervor oder Miklós Mészöly. Und erwähnt Jandl, Gertrude Stein, Peter von Matt, die sie verehrt. Dazwischen: «Eine Nachbarin ist vorhin mit einem Blumenstrauss vorbeigekommen.» Nach unserem Gespräch ein Blick auf den Bildschirm: Dutzende von Dankesmails.