Oper

Die Hölle war nie schöner

Thésée (Edwin Crossley-Mercer) in der Unterwelt.T+T Fotografie

Thésée (Edwin Crossley-Mercer) in der Unterwelt.T+T Fotografie

Regisseurin Jetske Mijnssen inszeniert in Zürich Jean-Philippe Rameaus Barockoper «Hippolyte et Aricie» als ästhetischen Bilderbogen.

Der Barock war eine durchaus sparsame Epoche – zumindest aus erregungstechnischer Perspektive. Während sich heutige Generationen mit Bungee-Seilen herumplagen, mit Haifischen tauchen oder illegale Substanzen konsumieren, um zu einem ordentlichen Adrenalinrausch zu kommen, reichte im Barock ein simples Lächeln jener Person, die man heimlich liebte – und schon war man oder frau durch den Affekt-Rausch völlig von Sinnen.

In Jean-Philippe Rameaus Oper «Hippolyte et Aricie» ist diese Person eine Frau. Und zwar nicht irgendeine Frau, sondern Phèdre, Königin von Athen und Gattin des Helden Thésée. Dass sie statt ihres Gatten den eigenen Stiefsohn liebt, bringt die Handlung ins Rollen – und Phèdre zum Rasen. In roter Robe steht sie von üppigen Blumenbouquets umringt da: die Haltung formvollendet, das Gesicht entgleist. Denn ihre junge Rivalin Aricie (wunderschön empfindsam gesungen von der jungen Mélissa Petit), welche Phèdre soeben in den Diana-Tempel abschieben wollte, hat doch tatsächlich die Schamlosigkeit, sich zu zieren. Unerhört, so etwas. Phèdre tobt (was die wandelbare Stimme von Sopranistin Stéphanie d’Oustrac eindrücklich zum Ausdruck bringt), und die Stängel der floralen Dekoration sausen einzeln durch den Tempel. Waren sie soeben noch Symbol der Unschuld, sind sie nun zu Blumen des Bösen geworden.

Ganz schön böse. So ist auch das Konzept von Regisseurin Jetske Mijnssen. Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Denn wurde im Barock gerne opulent gefeiert, gebaut, gelebt und auch gemordet, lässt die Holländerin Minjssen auch auf der Bühne des Zürcher Opernhauses die Roben rascheln (Schönheit am Laufmeter!) und die Säbel rasseln (Eingeweide gibts ebenfalls am Laufmeter).

Kaum Gänsehaut-Momente

So werden die fünf Akte der Oper zum überwältigenden Bilderbogen, der an Versailles oder Jacques-Louis David («Tod des Marat») erinnert, und der Abend überraschend zur Bildbetrachtung. Weil selbst der Scheiterhaufen, auf dem der Stiefsohn Hippolyte (sensibel gesungen und verkörpert von Cyrille Dubois) geopfert werden soll, oder das Niederstechen eines Menschen zur ästhetischen Komposition hochstilisiert werden. Als ob die Figuren mit ihren barocken Roben (Kostüme: Gideon Davey) gleichzeitig auch eine Haltung anzögen und nur hie und da von inneren Kämpfen kurz aus der Rolle geschüttelt würden. Als Zuschauerin schaut man. Schwelgt. Kann sich nicht sattsehen an dieser schieren Schönheit. Nur die Gänsehautmomente, die bleiben irgendwie aus.

Vielleicht, weil die Bilder als Momentaufnahmen funktionieren, aber nicht vom Leben durchpulst sind? Oder ist die Drastik schlicht durch das Übermass an Ästhetik weichgespült worden?

Zu diesem Eindruck trägt sogar die Musik von Jean-Philippe Rameau (1683–1764) bei. Denn der Franzose komponierte zwar Gewitter und Wind geradezu naturalistisch, doch das Reich der Eleganz durften seine Töne nie verlassen. Gewisse Dirigenten versuchen dem entgegenzuwirken und lassen die Fanfaren in der Ouvertüre scharf, die Streicher geräuschhaft anspielen. Nicht so die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haïm. Gemeinsam mit dem Orchestra La Scintilla gestaltet sie die Phrasen gestisch und lässt die Musik elegant tanzen, selbst Rache und Tod kommen hier wie auf Zehenspitzen angetrippelt.

Die Götter müssen’s richten

Derweil treibt sich Phèdres Ehegatte Thésée noch in der Unterwelt herum. Wo sich die Dämonen der Hölle ebenfalls artig nach den Gesetzen der Symmetrie um den König von Athen gruppieren, den Edwin Crossley-Mercer mit stupender Körperbeherrschung spielt und phänomenal singt. Selbst das hält die Unterwelt jedoch nicht davon ab, ihn an der Rückkehr in seine Heimat zu hindern. Bahn frei also für Phèdres heimliche Liebe?

Ein Glück, dass es in der barocken Oper auch noch Götter gibt, die richten, was die Menschen verbockt haben. Und so wird aus der sich anbahnen- den Familientragödie ein Finale mit Tragik (Phèdre nimmt sich das Leben, Thésée darf seinen Sohn Hippolyte nie wiedersehen), aber auch mit Neubeginn samt dem jungen Königspaar Hippolyte und Aricie und – man ahnt es – mit einem betörend schönen Schlussbild der beiden.

Opernhaus Zürich «Hippolyte et Aricie». Weitere Vorstellungen am Mittwoch, 22. Mai, und Freitag, 24. Mai. Siehe auch www.opernhaus.ch.

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Autorin

Anna Kardos

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