Das Festival Culturescapes nähert sich in diesem Herbst in 220 Veranstaltungen Polen. Aber bei der Eröffnungsfeier im Foyer des Theater Basel konnte man die Essenz Polens in nur einem Atemzug erfassen. Diese bestehe unter anderem aus: Schneebeeren, einer Holztreppe in Wroclaw, Lippenstift, Staub, Parfüm – und Bananen. Das lehrt Wojtek Ziemilski in seiner Performance.

Er mündet bei einem «vagen Gefühl von Zukunft» und der «Essenz des Nicht-Neutralen». Das Ticket für diesen Assoziationsgalopp erhielt das Publikum beim Einlass, geruchdicht verpackt: Eine Probe des Parfüms «Essence of Poland», das Ziemilski mit dem Zürcher Parfümeur Andreas Wilhelm entwickelt hatte. Das Publikum riecht und lauscht. Die Stimmung ist andächtig, wird nur durchbrochen vom Servicepersonal, das weiterhin Apfelcider verteilt.

Erste Banane kostete einen Fünftel eines Monatslohns

Danach nehmen Redner Bezug auf diese olfaktorische Annäherung an Land und Identität. Regierungsrat Hans-Peter Wessels freut sich in seiner Rede, dass Culturescapes erstmals wirklich grenzüberschreitend sei: mit Veranstaltungen in Mulhouse und Lesungen von Schweizer Schriftstellern in Warschau und Krakau.

Aber er schlägt auch kritische Töne an: Die polnische Kunst befinde sich unter Druck. «Erstarkt sind die, die eine nationale Kultur vertreten. Wer sich gegen den Einfluss der Kirche ausspricht, wird angefeindet.» Davor dürfe man die Augen nicht verschliessen. Nach ihm betont Monika Grochowska vom Adam-Mickiewicz-Institut die historischen Verflechtungen zwischen Schweiz und Polen: «Die Schweiz gehörte 1919 zu den ersten Staaten, die Polens Unabhängigkeit anerkannten.» Ungeplant hält der polnische Botschafter in der Schweiz, Jakub Kumoch, eine Spontanansprache. Er nimmt Bezug auf die Bananen.

Diese dienten zuvor Ziemilski als Symbol für die Armut im kommunistischen Polen und die Globalisierung nach der Wende. Der Botschafter habe die erste Banane als Sechsjähriger 1981 gegessen. Damals habe diese einen Fünftel des Monatsgehalts seiner Mutter gekostet. Doch Kumoch belässt es nicht bei Anekdoten. «Kultur ist unbesiegbar», sagt er.

Keine Regierung habe die polnische Kultur unterdrücken können. «Und die jetzige Regierung versucht das gar nicht. Sonst wären wir heute nicht hier.» Worauf Kumoch nicht eingegangen ist: Ziemilski zeigte am Anfang des Abends die Videoinstallation Consumer Art der polnischen Künstlerin Natalia LL. «Dieses Werk ist kürzlich zensiert worden», kommentierte Ziemilski korrekt. Danach lauscht der Botschafter neben Wessels am Fuss der Foyertreppe, wie Jurriaan Cooiman von Culturescapes unter anderem der Botschaft für die gute Zusammenarbeit dankt. Aber auch Cooiman spart nicht mit Kritik.

Etwa daran, dass in Polen unliebsame Museumsmitarbeitende in den letzten Jahren aus ihren Stellen gedrängt wurden. Der Abend ist kontrovers, der Appetit steigt. Sogar das Essen ist politisch. Die Kuratorin Monika Kucia ist fürs Leibliche verantwortlich. Sie hat Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen als Köche beauftragt, darunter eine geflüchtete Tschetschenin, die schon lange in Polen lebt. Serviert werden polnische, jüdische, ukrainische und vietnamesische Speisen. «Polen ist vielfältig», so Kucia. Nach diesen Genüssen bricht «Hymne an die Liebe» auf der Grossen Bühne mit aller Bekömmlichkeit.

Das Wort «Mensch» klingt wie Hundegebell

Das Chorstück vereint in sich die drei Schwerpunkte, die Culturescapes setzen will: Protest, Spiritualität, Erinnerungskultur. 25 Spieler allen Alters schmettern polnische Sprechchöre wie Maschinengewehrsalven. Sie formieren sich in Pfeilformation, marschieren, werden zum Rudel, bellen das Wort «Mensch» wie Hunde.

Der Nationalistenchor erklärt, Polen könne keine Flüchtlinge aufnehmen, denn die würden «alle Sonderangebote für Smartphones wegschnappen». Das ist harmlos, verglichen mit der Heroisierung des rechtsextremen Massenmörders Anders Breivik, in die sich der Chor später steigert. Die Unerbittlichkeit, mit der hier nationalistische Gedanken ausgesprochen werden, verstört. «Hymne an die Liebe» stellt das Grauen hinter Patriotismus, Katholizismus und Nationalismus aus.

Die Regisseurin Marta Górnicka dirigiert stehend aus dem Publikumsraum. Beim Applaus stehen alle links und rechts von ihr. Fast niemand ist sitzen geblieben. «Hymne an die Liebe» bekam lange Standing Ovations. Am Ende wirkte der ganze Eröffnungsabend wie eine einzige Beweisführung für die Aussage: Polen ist die Essenz des Nicht-Neutralen.