Anna Tumarkin

Die erste Frau Philosophie-Professor Europas

Anna Tumarkin (hier 1945 in Bern) war eine grosse Förderin der kantischen Philosophie.

Anna Tumarkin (hier 1945 in Bern) war eine grosse Förderin der kantischen Philosophie.

Die geborene Russin Anna Tumarkin studierte an der Universität Bern Philosophie und wurde dort die erste habilitierte Frau in diesem Fach in Europa.

Der Titel «Philosoph» ist – wie derjenige des Künstlers oder des Musikers – nicht geschützt. Jeder kann sich «Philosoph» nennen. Dass es «grosse» Philosophen gibt, ist ein Urteil, das von der Nachwelt statuiert wird. Der heute als «Alleszermalmer» bekannte Immanuel Kant und seine Philosophie standen noch bis in die 1960er-Jahre auf dem Index der katholischen Kirche. Nietzsche, der grosse Beschwörer einer Philosophie im «Jenseits von Gut und Böse», hatte bis zu seinem Tod kaum 15 Bücher verkauft. Schopenhauer hat erst weit im hohen Alter erste Anerkennung erhalten.

Und wer kennt die Philosophinnen Margareth Cavendish, Emilie du Châtelet oder Charlotte Perkins Gilman? Kurz: Es ist nicht auszuschliessen, dass wir von den bedeutendsten Philosophen oder Philosophinnen gar nichts wissen, weil sie – was seit der Antike eine philosophische Haltung ist – klug genug waren, sich nicht ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen. «Denke kühn, aber verberge dich», das war schon früh das Motto jener Philosophen, die lieber nicht (wie Sokrates) den Giftbecher nehmen oder (wie unzählige andere) in ewigen Schulstreitigkeiten ihr Leben fristen wollten.

Schweiz spielte Nebenrolle

Nicht besser bestellt ist es mit den Philosophieprofessoren. Die Wege zu diesem zertifizierten Amt sind auch heute noch höchst kitzlig und dabei weniger transparent als eine Papstwahl. Wer einmal eine Lehrkanzel (wie die Professur in Österreich sinnigerweise heisst) erobert hat, muss sich anstrengen, nicht in Dünkel und verschrobenem Sprachgebrauch zu erstarren. Schopenhauer, der uns Nachgeborenen eine überaus lesenswerte Schrift über die «Universitätsphilosophie» hinterlassen hat, behauptet nicht zu Unrecht, dass der Philosophieprofessor der Tod der Philosophie sei. Er hatte dies an den Hegelschen «Afterweisheiten» studiert und überdies festgestellt, dass es eine auffällige Häufung von Rektoren gab, die ihre Tochter zusammen mit der vakanten Philosophieprofessur einem Schwiegersohn verhökerten.

In der Schweiz dagegen, in diesem 41 285 Quadratkilometer kleinen Land, das in der Philosophie nie eine Weltrolle spielte wie etwa der nördliche Nachbar mit seinem einstigen Goldstandard des «Deutschen Idealismus», gibt es in weiten Kreisen eine verbriefte Skepsis gegen die Philosophie. Sie lässt sich im berühmten «Mir wänd nöd filosofiäre!» zusammenfassen. Im Gegensatz übrigens zum «Deutschen Idealismus» ist diese Schweizer Anti-Philosophie durchaus lebendig.

Und doch war es just die Schweiz, in der europaweit die erste Philosophieprofessorin von Amts wegen an einer Universität Prüfungen abnehmen und Dissertationen betreuen durfte. Wer jetzt an Jeanne Hersch denkt, liegt zumindest zeitlich falsch; die Genferin erhielt 1956 ein erstes Extraordinariat. Nein, nicht Jeanne Hersch war die erste Philosophieprofessorin in der Schweiz, sondern die aus Kischinew, das damals zum russischen Kaiserreich gehörte, stammende Anna-Ester Tumarkin.

Sie war 1875 geboren, stammte aus einer vermögenden jüdischen Kaufmannsfamilie, besuchte in Kischinew das Mädchengymnasium und liess sich zur Lehrerin ausbilden. So weit ist alles unspektakulär. Welche extraterrestrischen Weichen aber muss das Schicksal stellen, damit eine junge Russin ausgerechnet in Bern zur ersten Philosophieprofessorin wird, verbeamtet von 1909 bis 1943 als Extraordinaria? Der Nachlass von Anna Tumarkin liegt im Berner Staatsarchiv, säuberlich geordnet liegen da Briefe, Manuskripte, Vorlesungsverzeichnisse.

Ein Genie der Freundschaft

Das Wunder der Anna Tumarkin hat mit dem zu tun, was Immanuel Kant «Sympathetik» nannte und was das Elementarste ist im menschlichen Leben: Abneigung und Zuneigung. Nicht Liebe und Hass sind die primordialen Kräfte, sondern jenes unsichtbare Band von Sympathie und Antipathie, das die seelische Legierung zwischen den Individuen ausmacht. Als Jüdin hatte Anna Tumarkin die Pogrome in Russland erlebt, als junge Frau und begabte Intellektuelle die Antipathie der (meisten der etablierten) Vertreter einer männlichen Geistesaristokratie. Zugleich ist Anna Tumarkin – das kann man anschaulich in den hinterlassenen Briefen nachlesen – ein Genie der Freundschaft. In Berlin hat sie bei Simmel und Dilthey studiert. Mit Wilhelm Dilthey, damals der bedeutendste Vertreter der philosophischen Hermeneutik und ein Unterstützer der Frauenbewegung, ist Anna Tumarkin bis zu seinem Tod befreundet. Es gibt fast kein Buch Diltheys, das nicht von Tumarkin gegengelesen und korrigiert wurde, so eng war diese Arbeitsfreundschaft.

Anna Tumarkin selbst publiziert viel, hält Vorträge, schliesslich promoviert sie in Bern und beginnt ihre Habilitation. Bei diesem schwierigen letzten Karrierestein wird die mittlerweile staatenlos gewordene Russin von zwei Mitgliedern der Berner Fakultät aktiv beraten und unterstützt. Dass die Habilitation 1898 gelingt, ist gewiss Tumarkins Leistung, aber auch den günstigen Umständen geschuldet: Die Berner Erziehungsdirektion gab grünes Licht und ein progressiver Teil der Fakultät unterstützte diese erste Philosophieprofessorin. Freilich erhielten auch die Gegner ihr Zugeständnis: «Frl. Prof. Tumarkin» solle die venia legendi (Lehrerlaubnis) nur für die «Damenfächer» Ästhetik und Psychologie erhalten.

Zwischen 1906 und 1943, dem Datum ihrer Emeritierung, hat Tumarkin unzählige Vorlesungen, Seminarien und Kolloquien gehalten. Eine ihrer Stärken war die Frage nach den psychischen und ästhetischen Tiefendimensionen dessen, was Menschen für «objektiv» und philosophisch bedeutend halten.

Früh schon hat Anna Tumarkin eine Vorlesung über die «Psychologie der Griechen» angesetzt, sie geht den Aussenseitern nach, liest über Spinoza, über Kants und Herders Kulturphilosophie, über die Romantik als Weltanschauung, beschäftigt sich mit den «Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Psychologie». Unter ihren, durchweg vergessenen, Publikationen findet sich eine Schrift, deren Titel uns Heutigen vielleicht politisch unkorrekt vorkommt, die aber lesenswert ist: «Wesen und Werden der schweizerischen Philosophie». Das Buch wurde 1948 publiziert und ist auf eine diskrete Art eine klare Mahnung vor grossen philosophischen (deutschen) Systemen.

Ausgleich und Pluralität

Das Motiv des Philosophierens in der Schweiz sei kein extraterrestrischer Systembau, sondern eine «sachliche Nüchternheit» für die Erkenntnis dessen, was die Praxis des Lebens ausmache. Gerade deshalb sei das Naturrechtsdenken in der Schweiz früh schon ausgebildet gewesen. Das skeptische Gemüt der Schweizer könne man als eine angewandte Form kritischer Urteilskraft im Sinne Kants verstehen. Eine rein theoretische oder «ideale» Weltanschauung hätte vor dem philosophischen Gemüt in der Schweiz keine Chance, dafür stehe die «ethische Gesinnung», die Verantwortlichkeit vor dem eigenen Gewissen hoch.

Das geistige Leben in der Schweiz erwachse aus dem Eigenen und sei keine Kopie von importierten Grossdenkereien. Skeptisch, selbstständig, auf Ausgleich und Pluralität sei das schweizerische Geistesleben bedacht, an Fragen der Rechtsstaatlichkeit und der Pädagogik interessiert, Untertanendenken finde man keines, dafür eine Vermittlung zwischen der religiösen Ethik und dem gesunden Menschenverstand. 1944, als Europa in Grauen und in Trümmern liegt (und Tumarkins Familie in den Lagern vergast wird), weist Anna Tumarkin auf die Humanität der Naturrechtslehre hin, auf den Genfer Philosophen Jean Jacques Burlamaqui und sein Eintreten für eine «société naturelle de liberté et d’égalité», verfasst 1747.

Als der bedeutende Philosoph Martin Heidegger sich am 27. Mai 1933 in seiner Freiburger Rektoratsrede bedingungslos den Nazis andiente, hielt die Philosophieprofessorin Anna Tumarkin in Bern ein Seminar über Kants kritische Urteilskraft. Oder anders: Es ist eine heikle Frage, zu entscheiden, wer weshalb ein bedeutender Philosoph ist.

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