Der Mensch ist ein Herdentier. Er singt im Chor, er trinkt in der Runde, er schaut auf der Couch mit anderen fern. Und wenn er mal mit den Hufen scharrt, auf den Tisch haut oder im Wunsch nach gelebtem Individualismus davongaloppiert, dann springen die Herdentiere aufgeschreckt herum, dann ist es dahin mit dem sorgfältig austarierten Gleichgewicht, dann beisst man sich in den Argumenten des Gegenübers fest.

Aber dann wird’s auch erst lustig - für die Zuschauer und für die Schauspieler Herwig Ursin, Diego Valsecchi und Barbara Heynen. Die bewältigen Krisen in der Produktion «Bitte nicht schütteln!» der freien Aargauer Theatergruppe Theater Marie im a cappella Chor, mit den Instrumenten des Konfliktcoachings, mit Herzschmelz-Balladen und Entlastungswitzen. Sie tun das vor einer bräunlichen Vintage-Tapete von Andreas Bächli, die einem die Harmoniesucht optisch so richtig aufs Auge drückt. Die Outfits der drei, die sich am Samstagabend erstmals in der Aarauer Tuchlaube vor Publikum behaupteten, wurden von Kostümbildnerin Tatjana Kautsch Ton in Ton mit der Kuscheltapete abgestimmt. Vor der Tapete verschwinden sie wie Steppentiere in der Savanne.

Rückzug in die gemütlichen vier Wände

Das Theater Marie, das in seinen Inszenierungen mit dem Weitwinkelobjektiv die Probleme der globalisierten Welt ebenso gern aufnimmt wie es Konflikte im Privaten zum Thema seiner Inszenierungen macht, lässt in «Bitte nicht schütteln!» die Weltbühne links liegen, weist Angriffskriege, Brexit und Provokationsrhetorik weit von sich und zieht sich gutschweizerisch in die privaten vier Wände zurück, wo die maximale Harmonie herrscht und maximal gefährdet ist.

Denn eins ist klar: Theater entsteht über Reibung. Sonst bleibts bei dem, was Herwig Ursin auf der Bühne mit der Rezitation des Hans-Arp-Gedichts «Die Ebene» demonstriert: Man steht in einer gähnend leeren Landschaft rum und vermisst seine Lebendigkeit. Der Kitt dieser harmoniesüchtigen A Capella-Band besteht aus Evergreens wie «You’re nobody till somebody loves you» oder «I’m forever blowing bubbles«. Doch der hält nicht lange.

Polaritäten sind eben doch das Salz in der Suppe

Diego Valsecchi schält sich als erster aus seiner Uniform und baut im Zebrastreifenkostüm mit eigenem Fernseher sein Nur-Für-Mich-Refugium. Der Rest der Theaterfamilie liegt später mit auf der Couch, da kann Valsecchi noch so schnauben und stampfen: Die Disharmonien werden im Gesang sofort aufgelöst.

Die witzige, und in dieser Inszenierung sich als richtig bühnentauglich herausstellende Sammlung von Mails, Headlines, Slogans und Witzen des Schweizer Künstlers Beni Bischof überbrücken die Widersprüche des Gemeinschaftswesens mit Humor («Nur Arschlöcher mögen Arschkriecher»). Das Trio wirft sie sich im packendsten Abschnitt der Inszenierung zu wie Pingpongbälle. Polaritäten sind eben doch das Salz in der Suppe . Die harmonische Zweisamkeit, wie sie Barbara Heynen und Herwig Ursin im Paartanz demonstrieren, bleibt für das dritte Rad am Wagen (Diego Valsecchi) eine Provokation.

Harmonie - nichts als Seifenblasen

Auflösen kann man solche Widersprüche in einer maximal individualisierten Gesellschaft nicht. Als die drei in Glitzerkostümen am Ende unter herabsegelnden Seifenblasen die totale Liebe besingen, ist zwischen Ironie und Ernst nicht mehr zu unterscheiden.

Das Miteinander auf der Erde bleibt halt ein kleines Wunder, wie auch auf dieser Bühne: Zwischen zu viel Hitze und Eiseskälte immer die perfekten Lebensbedingungen zu schaffen, gelingt höchstens mit ein bisschen Flunkerei und dem Aufbau von Illusionen.