Architektur

Das Stadtcasino in neuem Glanz – ein Konzertsaal der Superlative

Das Stadtcasino Basel in neuem Glanz und mit neuem Anbau: ein Videorundgang

Das Stadtcasino Basel in neuem Glanz und mit neuem Anbau: ein Videorundgang

Herzog & de Meuron haben erstmals Einblick in das fertig restaurierte und erweiterte Stadtcasino gewährt.

Der 17. Juni ist ein Schicksalstag für das Basler Stadtcasino. 2007 erteilte die Basler Stimmbevölkerung an diesem Tag dem spektakulären Erweiterungsbau der irakischen Architektin Zaha Hadid eine Abfuhr. 2013 präsentierten Jacques Herzog und Pierre de Meuron ihre Pläne für eine redimensionierte Variante, die der Bausubstanz, der Lage und der Geschichte des Casinos mehr Platz einräumte.

Am Mittwoch nun war das Resultat erstmals zu sehen, um ein Jahr verzögert zwar, da sich die total neu gestaltete Unterkellerung des Baus als komplexes Vorhaben entpuppte. Dafür unter Einhaltung des Budgets von 77.5 Millionen Franken.

38 Millionen trug die Stadt Basel bei, 35 Millionen kamen von privaten Spendern, den kleinen Rest trägt die Casino-Gesellschaft. Ein weiteres eindrückliches Statement des Mäzenatentums in dieser Stadt. Christoph Gloor, Präsident der Casino-Kommission betonte gestern denn auch, Politik und Gesellschaft müssten diesem Erbe Sorge tragen.

Im sanft renovierten Hans Huber Saal präsentierte Jacques Herzog das Bauvorhaben mit Power-Point. Eine ungewöhnliche Vorgehensweise für einen fertiggestellten Bau. Der Architekt unterstrich damit jedoch die «Aussergewöhnlichkeit» des Auftrags, der eine «unglaubliche Bearbeitungstiefe» innehabe.

Damit sprach er die Herausforderungen an, die das Projekt an alle Beteiligten stellte: Einer der akustisch herausragendsten Konzertsäle der Welt sollte neu unterkellert, nach Vorgaben der Denkmalpflege restauriert und um ein Foyer ergänzt werden.

Dabei mussten Ort und Geschichte präzise gelesen werden: am Steinenberg die Kulturmeile mit Kunsthalle und Theater, auf der Rückseite die Nachbarschaft zu Barfüsserkirche und -platz.

Kompromisse bei der Farbe, aber nicht bei der Akustik

Nach Prüfung mehrerer Varianten entschieden sich die Architekten für einen Erweiterungsbau auf der Seite des Platzes. Unter ein Dach mit dem Saal gebracht, aber als frei stehendes Gebäude, vom Saal durch einen unsichtbaren Spalt, vom Casinobau der Dreissigerjahre durch einen neuen Durchgang abgetrennt.

Der Clou: Die Frontseite des Foyers und die Verlängerung der Seitenwand des Saales wurden detail-
getreu aus Holz nachgebaut. So erscheint der Gesamtbau als einheitlicher Korpus, der seine Baugeschichte erst auf den zweiten Blick freigibt.

Für den grossen Musiksaal, Baujahr 1876, stand eine Restaurierung nach klaren Vorgaben an. Man habe sich am Zustand des Jahres 1905 orientiert, als Fritz Stehlin, Neffe des Erbauers Johann Jakob Stehlin, den Saal erstmals renovierte. Vor allem aber galt es die Umbausünden der 1980er-Jahre zu tilgen, als die Fenster und das Oberlicht verschlossen wurden und Lachsrot zur dominierenden Farbe wurde.

Fenster und Oberlicht sind nun wieder geöffnet. Die der ursprünglichen Bestuhlung nachempfundenen, samtbezogenen Klappsitze sind optisch reizend, für die Physis eher spartanisch geraten.

Bei der Farbgebung hätten sich die Architekten einen mutigeren Zugriff gewünscht. Die Denkmalpflege bestand jedoch auf einer möglichst getreuen Annäherung an den ursprünglichen Entwurf von 1876. Der Kompromiss hat zu einer Mischung aus vier verschiedenen Rottönen geführt, die zwar original, für das zeitgenössische Auge jedoch gewöhnungsbedürftig sind.

Vorrang hat im Saal jedoch das Gehör. Um die einzigartige Akustik zu erhalten wurden alle neuen Elemente, von den Stoffen, über die Fenster, das verwendete Holz bis zur Farbe auf diesen Aspekt hin akribisch geprüft. Die Architekten und Akustiker gehen davon aus, dass ihr Werk gelungen ist. Das Resultat wird an der Eröffnung Ende August zu hören sein.

Das Foyer wird zum Herzstück des neuen Casinos

Während die Neuerungen im Saal dezent daherkommen, macht das Foyer richtig Spektakel. Herzog & de Meuron haben das Innenleben des Holzbaus in eine mehrstöckige Bühne für das Publikum verwandelt. Dabei greifen sie auf den eigenen Fundus an Formensprachen zurück: Der kreisrunde Durchbruch, der Sichtachsen vom Parterre in den ersten Stock zulässt, erinnert an das Himmelsauge bei der Basler Messe.

Die Kombination von poliertem Stahl mit Samtverkleidungen in den geschwungenen Seitenfoyers und der Garderobe im Souterrain verweisen auf den Miu Miu Aoyama Store in Tokyo. in Tokyo. Der tropfenförmige Kegel, an welchem eine Replika eines Saalleuchters funkelt, erinnert an die Elbphilharmonie.

Die Architekten konnten für das Foyer bis ins Detail aus dem vollen schöpfen: vom linsenförmigen Parkettmuster, über die lauschigen Sitze der Ottomane im Obergeschoss, den verspielten Holzgeländern bis zur aus Stickerei gefertigten Beschriftung.

Während die grossen zentralen Räume hell daherkommen, sind die Seitenfoyers zu einem veritablen Boudoir aus Samt und Brokat geraten, inklusive Sitznischen für intime Gespräche und vaginaförmigen Fenstern zu den Nebenräumen.

Diese plüschige, lauschig-rauschende Schaubude aus Holz-, Stoff- und Stahlwänden ist eine gelungene Reminiszenz an das bürgerliche Theater, wo Sehen und Gesehenwerden, sozialer Austausch und Voyeurismus ebenso wichtig sind, wie das Gezeigte, oder in diesem Fall das Gehörte.

Die Architekten haben die Haupträume des Foyers so konzipiert, dass sie auch als kleinere Konzertlokale dienen können. Ob das im Programm der Casino-Gesellschaft Niederschlag findet, wird sich weisen. Die Basis zu einer neuen Musik-Ära in Basel ist auf jeden Fall gelegt.

Künftige Baustellen

Jacques Herzog hat am Mittwoch aber auch schon künftige Baustellen benannt: Das Casinogebäude aus den Dreissigerjahren ist für ihn ab jetzt nur noch ein Platzhalter für etwas Kommendes. Und auch der Platz zwischen Kirche und Casinoeingang offenbart nun erst recht seine Tristesse.

Vorerst kommen aber die Eröffnung und ein Tag der offenen Tür, geplant auf das Wochenende vom 22./23. August. In welchem Umfang genau und für wie viele Gäste, wird erst kommende Woche klar. Dann kommuniziert der Bundesrat über weitere Lockerungsschritte in Sachen Corona.

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