Theater

Das Leben als fantastischer Wahnsinn

Stella Palino im 40-Jahre-Jubiläumsstück «Die Mücke widerspricht» im ThiK Baden am 26. Januar 2019. Foto: Daniel Vizentini

Stella Palino im 40-Jahre-Jubiläumsstück «Die Mücke widerspricht» im ThiK Baden am 26. Januar 2019. Foto: Daniel Vizentini

Badens Kunst- und Theaterfrau Stella Luna Palino krönt ihr 40-Jahr-Bühnen-Jubiläum mit Shakespeares «Sturm».

Es war einmal der kleine Marc, der jeden Frühling durchs Fenster über der Zirkuskuppel die grossen Lettern «Knie» las. Die Wirkung blieb nicht aus: Er wollte Zirkus-Clown werden, was ihn nach der Lehre als Chemielaborant 1976 nach Paris an die internationale Theaterschule Jacques Lecoq führte. Der Abschluss 1979 war der Beginn einer bewegten, leidenschaftlichen Künstlerkarriere.

Aus Marc «Palino» Brunner wurde inzwischen Stella Luna Palino, die bekannte Transgender-Frau der Theaterszene, die im Jahr 2012 als Frau Stadtammann kandidierte. Es ist die Figur, die in Baden mit wilden, atemberaubenden, lustvollen bis tragikomischen, bizarren, skurrilen, oft tiefsinnigen, poesievollen, früher auch klamaukhaften, aufschreckenden oder zumindest überraschenden, nachdenklich stimmenden, gar dunklen, zuweilen an Absurdität grenzenden und nicht selten streitbaren, aber niemals langweiligen Inszenierungen provozierte.

Entstanden ist eine Hassliebe zwischen Palino und der Kulturstadt Baden, die bindet wie trennt, begeistert wie entgeistert. Ob Stella oder Palino: Sie wird bestaunt, bewundert, belächelt, von der Stadt wie vom Kanton unterstützt wie vernachlässigt, manchmal unterschätzt, und doch wertgeschätzt.

Mit dem «Scheisstheater» auf Tournee

1979 erfolgte im Theater im Kornhaus mit dem zarten Solostück Equilibre der Start. Nach Strassentheater, Engagements bei Rigolos tanzendem Theater, Circus Conelli und Nock sowie im Teatro 7 in Mailand und waghalsigen Seiltänzen, so auch über der Limmat an der Badenfahrt 1982, kam Stella zum Theater in Baden.

1985 machte sie an der Rathausgasse 7 den Weinkeller zum eigenen Theaterort. In der zuweilen als Schuhschachteltheater bezeichneten Stätte entstanden in 40 Jahren gegen 60 Eigenproduktionen, die in der Schweizer Theaterszene auf Beachtung stiessen. Zuoberst figuriert 1993 das «Scheisstheater», womit die Truppe dann in Zürich, Wien und Berlin gastierte.

In Stella’s eigener Hitliste figuriert es nicht weit oben. «Wir trafen mit dieser Art von Comedy das Publikum am Nerv der Zeit», meint sie rückblickend. In die Mitte der 90er-Jahre fiel tatsächlich die Geburt der deutschen Comedy. Das drei Jahre später folgende «Fresstheater» war weniger erfolgreich.

Stella Palino drängte es hinaus. Vom Badenfahrt-Fieber erfasst folgten 1982 das Variété-Theater in der «Arena del Gobon», 1997 das «Traumschiff», wo auf der «MS Paloma» das Publikum mit einbezogen wurde. Nach Höhenflügen blieben ihr Abstürze nicht erspart. Im Frühsommer 1989 zog sich Palino bei einem Gleitschirmabsturz mehrere Knochenbrüche zu. Trotz sechs Wochen Spitalaufenthalt startete im Dezember darauf im Kurpark der «Circo Furioso». Die Geburt von Tochter Senta half über den ausbleibenden Publikumserfolg hinweg.

1994 packte Stella Palino die Chance, im Merker-Areal eine mittlere Bühne einzurichten: das «Theater am Brennpunkt». Aller Startschwierigkeiten zum Trotz wurde der neue Spielort zu einem Brennpunkt der Theaterszene. Stellas Rollen als Clown, Pantomime, Schauspieler, Artist, Komödiant, Regisseur, Dramaturg sowie Theaterlehrer wurden um diejenige des Intendanten erweitert.

Für den grossen Wurf der «mittleren Bühne» im Aargau mit permanentem Ensemble bot das Kuratorium finanziell nicht Hand. Daran änderte selbst der begeisternde «Glöckner» zum 20-Jahr-Jubiläum 1999 auf dem Kirchplatz nichts.

Im Theater am Brennpunkt verblüffte Stella mit eigenen Solostücken wie «Frankenstein», brachte internationale Theaterschaffende für Gastspiele nach Baden. Am riesigen Engagement, stets Neues auf die Beine zu bringen, zerbrach jedoch die Beziehung mit Tina. Die Trennung war gleichsam der Anfang von Stella – auf der Bühne wie in Geist und Körper.

Was sich von aussen wie Travestie präsentierte, war Beginn des Genderwechsels. Palino brillierte als Sänge- rin, stolzierte nach den Auftritten auf hohen Absätzen, mit kurzem Rock, gepolsterten Brüsten, blonder Mähne und rot geschminkten Lippen durchs Theater. Von den damaligen Paris-Abenteuern in der Rolle der Frau wussten die wenigsten.

Das Freiluftspektakel «King Lear» in französischer Sprache auf der Schlossruine Stein (2001) zog Stella finanziell den Teppich unter den Füssen weg. Schlechtes Wetter und mager besetzte Ränge auf der Tribüne machten daraus ein Fiasko. Dies blieb nicht ohne Folgen: 2004 entzog man Palino die Theaterführung des Brennpunkts, und dieser wurde in «Ground Zero» umbenannt, und war trotz neuer Führung wenig später am Ende.

Die Suche in kleinen Theaterformen

Stella steckte Rückschläge weg, wobei ihr der Abgang im «Brennpunkt» wehtat. An der Rathausgasse ging es weiter. 2010 übernahm sie vis-à-vis die «Unvermeidbar». Grosse Theaterwürfe ersparte sie sich fortan. 2005 ging sie als Marylin Monroe in Zürich zwischen den Fraumünstertürmen durch die Lüfte, ebenso 2007 zur Einweihung über den neuen Theaterplatz in Baden. Das kleine Sommertheater in der Niklausstiege an der Baden- fahrt desselben Jahres war die Antwort auf «King Lear».

Stella konzentrierte sich vermehrt auf Solostücke mit philosophischem und historischem Hintergrund wie «Mozart bist du» (Mozart-Jahr 2006), «An Weihnachten sind wir zurück» (2. Weltkrieg), «Der Therapeut» (von Matthias Dix) oder «Kontrapunkt» (von Milena Moser und Dix). Klassiker wie Goldonis «Die Lügner» und «Der Seiltänzer» von Jean Genet fehlten nicht, wie erneut Shakespeare.

Bei ihm durfte Stella in «Drama Queens» (2013) gleich in mehrere Frauenrollen schlüpfen, nicht ohne Humor. Sie nutzte zudem ihr musikalisches Talent, inszenierte sich als singende Madame Stella und huldigte Edith Piaf mit einer Hommage.

Ans Aufhören wagt Stella heute nicht zu denken. «Für ganz Grosses verspüre ich zwar keine Lust mehr», sagt sie, und korrigiert sogleich vor Tatendrang sprühend, dass ihr ein grosses Sommertheater vorschwebe. In erster Linie wolle sie inhaltlich tiefer gehen, forschen und recherchieren und dies auf die Bühne bringen, womit man die Menschen aufrütteln könne.

Die Frage nach dem verpassten Fokus

«Manchmal denke ich, ich hätte mich stärker fokussieren müssen», sagt die Theater-Mehrkämpferin selbstkritisch. Vielleicht hätte sie international Anschluss gefunden, Berühmtheit erlangt, meint sie. Die Pläne waren da, in Berlin etwas aufzubauen, neue Kontakte zu knüpfen, im Pendelverkehr mit Baden natürlich. Nicht zu vergessen: 1999 hat Stella den Kulturpreis der UBS erhalten.

«Hier in Baden ist mein Zentrum, da habe ich mein Lokal, meine Truppe, und jetzt noch mein Café», sagt Stella lächelnd. Da schwingt nach so viel Erreichtem viel Genugtuung mit. Dass sie Kritiker hat und solche, die schlecht reden über sie, damit könne sie heute leben. «Ja, ich hätte manchmal auf die warnenden Stimmen hören sollen», so wie beim King-Lear.

Provozieren, Aufsehen erregen, das gehört zu Stella. Das tat sie mit ihrem Genderwechsel. Sie sei sich bewusst, dass sie damit manche Leute vor den Kopf gestossen habe, auch im engsten Umfeld. «Wer nur daran denkt, was andere über ihn denken könnten, bremst sich selber aus», wirft sie ein. Sie möchte die Menschen dazu anspornen, dass sie ihr Leben mit allen Intensitäten leben und die Freude entdecken.

«Das Leben ist doch ein fantastischer Wahnsinn!», bricht es aus ihr heraus. Es gehe ums Menschsein, nicht um die Geschlechterrolle, und sie fügt augenzwinkernd an: «Vielleicht liege ich dereinst wieder als Mann im Sarg.»

«Der Sturm» (12.–22. September), Shakespeares letztes Stück, folgt nun nach «Die Mücke widerspricht» als Jubiläumsaufführung . Was bekommt das Publikum auf der Freilichtbühne des Theaterplatzes zu sehen? «Nicht den Shakespeare-Original-Sturm», sagt Stella. Vielmehr einen Theatersturm um eine Aufführung, der eine Schauspieltruppe nicht Herr werde. Was Stella besonders freut: Tochter Senta steht auch auf der Bühne – mit ihrem Papi, wie sie heute noch genannt werde, so Stella, und gibt eine Sturmwarnung durch: Es gehe im Stück ziemlich wild zu und her.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1