Das Prélude zu Georges Bizets Oper «Carmen» erkennt man sofort. Aber da gibt es in diesem speziellen Arrangement auch Ungewohntes: Ein mit Schlagwerk angereichertes Instrumentarium etwa, das den Orchesterklang schärft und Spannung erzeugt. Damit unterstreichen das Sinfonieorchester Basel und sein Dirigent Thomas Herzog, welch entscheidende Rolle sie bei Johan Ingers Ballett «Carmen» einnehmen. Sie sind die musikalischen Treiber einer Geschichte, die mit Rodion K. Schtschedrins Carmen-Suite und Musik von Marc Alvarez das Werk des schwedischen Choreografen erst recht zu einer unvergleichlichen Kreation machen.

Feuer und Eis, zwischen diesen Polen bewegt sich das Handlungsballett, das den Fokus – wie Prosper Mérimées Original – auf Don José legt und damit auch eine Geschichte der Gewalt erzählt. Inger zeigt diese aber nicht aus der Sicht der Betroffenen, sondern aus der eines Kindes (Alba Carbonell Castillo). Anfänglich spielt es, ganz in Weiss, mit einem Ball – anscheinend vergnügt, wäre da nicht ein maskierter Tänzer, der dem Kind den Ball wegnimmt.

Obgleich die Geschichte düster ist, verwendet Bühnenbildner Curt Allen Wilmer keine dunklen Versatzstücke. Beige-graue, schiebbare Blöcke, Stellwände mit Spiegeln oder als Festungen erscheinende Würfel evozieren alles Erdenkliche; ergo bleibt viel Raum für das exzellente Ballett Basel.

Carmen, José und das Kind

Etwa in der Fabrikszene, als sogleich klar wird, welchen Zuschnitts Ingers Carmen ist: willensstark, frei und selbstbewusst genug, rasch Partner wie Zuñiga (Piran Scott) oder den selbstverliebten Torero (Javier Rodriguez Cobos) auszuwählen und ebenso rasch wieder zu verlassen.

Debora Maiques Marin tanzt zwar eine verführerische, primär aber eine unbändige, mit harten Bandagen kämpfende Carmen, deren Strahlkraft sich gerade aus ihrer Widersprüchlichkeit ergibt. Exemplarisch eingefangen in den Szenen mit den Fabrikarbeiterinnen. Der Choreograf setzt da auf ruppige, kampfähnliche Bewegungen, die alles sein wollen, nur eines nicht: elegant.

Auch der akkurat gescheitelte José ist es nicht. Max Zachrissons Rollenporträt eines Zweifelnden und Zerrissenen bleibt haften. In seinem schwarzen Anzug wirkt der junge Mann blass und verklemmt. Ein leidenschaftlich durchpulstes Tanzvokabular wird ihm erst dann gestattet, als er auf Carmen trifft – und in ihr seine erste und einzige Liebe wähnt. Fehlanzeige.

Bringt José den Nebenbuhler Zuñiga um, sieht das Kind zu – und hält sich die Ohren zu. Es wird nie mehr dasselbe sein wie zu Beginn. Als es dem Mörder erneut begegnet, ist es in Schwarz gekleidet – und gleicht so jenen schwarzen Gestalten, die José als personifizierte Gewissensbisse jagen. Trost? Allenfalls dann, wenn José auf der Suche nach Carmen einen Traum hat.

In diesem Moment erscheint das Licht (Tom Visser) nicht mehr weiss und kalt, sondern gelb und warm – wie eine Sonne. José und Carmen herzen das Kind, doch der Traum zerplatzt wie eine Seifenblase. José ersticht Carmen, die sich ihm in den Weg stellt. Und wieder schaut das Kind zu. Die Puppe, die es in seiner Hand hält, sieht Carmen täuschend ähnlich. Als José das Kind berühren will, zerreisst es diese. Damit hat es Carmen ein zweites Mal getötet: Die Geschichte von Gewalt beginnt erneut.

«Carmen» bis 5. April 2019, Theater Basel. www.theater-basel.ch