Erkennen Sie diese kämpferische Dame, begleitet von einem ebenso anmutig und kraftvoll auftretenden Pferd? Bestimmt. Denn dieses Kunstwerk steht im Herzen von Basel, bei der Schifflände, auf der Mittleren Brücke. Wüssten Sie aber auch, wer es geschaffen hat?
Sie sind nicht allein.

Carl Burckhardts Name ist uns weniger vertraut als seine seit 100 Jahren sichtbaren Meisterwerke im öffentlichen Raum. Das soll sich wieder ändern. Zu Ehren von Carl Burckhardt präsentiert das Kunstmuseum Basel eine neue Sonderausstellung. Und führt damit eine Reihe fort, die Museumsdirektor Josef Helfenstein rasch nach seinem Antritt in Basel angeregt hat, um das Basler Kunstschaffen regelmässig zu würdigen.

Nach den Picasso-Ankäufen, Werner von Mutzenbecher oder Samuel Buri wird jetzt im Erdgeschoss des Hauptbaus das Werk von Carl Burckhardt beleuchtet. Zu sehen war die Sonderschau bereits in erweiterter Form im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto. In diesem kleinen Tessiner Dorf lebte Burckhardt ab 1920 mit seiner Frau, der Malerin Sophie Hipp, und den zwei schulpflichtigen Kindern in einer Künstlervilla. Bis er dort 1923 im Alter von nur 45 Jahren verstarb.

Von Krankheiten geplagt

Der allzu frühe Tod ist eine Erklärung für sein überschaubares Werk, das gerade mal 47 plastische Arbeiten umfasst. Ein anderer Grund ist, dass sein Schaffensdrang immer wieder gebremst wurde durch Krankheiten, die ihn plagten.

Schon im Alter von fünf Jahren erkrankte Carl Burckhardt mehrmals an Lungenentzündungen. Der Arzt habe die Hoffnung schon aufgegeben und das Totenhemdchen vorbereitet, schrieb Burckhardt später in einem Schulaufsatz. Zum Erstaunen aller habe er sich im Bettchen aufgerichtet und sei von den Umstehenden «wie ein aus dem Grabe Erstandener» angeblickt worden.

Carl Burckhardt war an jenem Tag dem Tod entronnen, nicht aber sein Vater, ein Pfarrer, der just in derselben Nacht starb. Die Mutter zog mit den acht Kindern vom zürcherischen Rüti zurück in die Heimatstadt der Familie: Basel.

Nach seiner Schulzeit zog Carl Burckhardt nach München, wo er die Aufnahme an der Kunstakademie anpeilte, aber nicht angenommen wurde. Also besuchte er die private Malschule von Heinrich Knirr. Danach, mit 21, zog es ihn in die italienische Hauptstadt Rom. Hatte er sich bis dahin der Malerei und dem Zeichnen gewidmet, so betätigte er sich 1901 auch erstmals als Bildhauer, weniger angeregt von der kunsthistorischen Atmosphäre in Rom, als vielmehr von der Offenheit und Lebhaftigkeit der Bevölkerung.

Während es im verklemmten Basel kaum möglich war, Akt-Modelle zu gewinnen, gingen die Römerinnen und Römer unverkrampft damit um. So liess er zwei junge Männer für seine Interpretation von Zeus und Eros posieren, eine Plastik, an der Burckhardt drei Jahre lang arbeitete, allerdings ohne sie beenden zu können. Krankheiten und Selbstkritik sorgten für Verzögerungen. Erst zwei Jahrzehnte später wurde sein Wachsguss in Bronze gegossen – also nach Burckhardts Tod. Es ist nicht das einzige Werk, das er nicht mehr vollendete. Auch die eingangs beschriebene «Amazone mit Ross» bei der Schifflände konnte Burckhardt nicht mehr selber in Bronze giessen lassen, ebenso wenig seinen «Ritter Georg», der bis heute vor dem

Gymnasium am Kohlenberg den Drachen bekämpft. Beide Spätwerke waren als gipserne Ausführungsmodelle aber fast vollendet.

Dass in diesen zwei Werken Mensch und Pferd dargestellt wurden, war nicht nur Burckhardts Interesse an antiken Motiven geschuldet, wie Rudolf Suter in der neu erschienenen Publikation festhält, sondern auch einer Passion, die er schon bei seinem Italienaufenthalt zelebriert hatte: dem Reiten. Burckhardt schwärmte davon, wie er sich beim Ausritt mit der Natur eins fühlte. Jahre später, nach seinem Umzug von Basel ins Tessin, hielt er sich ein eigenes Pferd.

Bedeutende Aufträge

Doch nicht nur wo ein formschönes Pferd steht, steckt der Schweiss von Carl Burckhardt drin. In der Stadt begegnet man noch weiteren Werken, die seine Handschrift tragen. Burckhardt hätte sich zwar gerne mehr Zeit für die Malerei genommen, schuf aber schon 1905 ein erstes Auftragswerk, das er aus finanziellen Gründen angenommen und in das er viel Zeit investiert hatte: ein Relief aus Stein für das Portal der Pauluskirche. Dieses markierte die erste Zusammenarbeit mit dem renommierten Architekten Karl Moser. Moser konnte auch beim Bau des Kunsthauses Zürich (Reliefs und Figuren) und beim Badischen Bahnhof auf seine Bildhauer-Qualitäten zählen. Durch die Umgestaltung des Vorplatzes mag man Burckhardts Arbeit beim Badischen Bahnhof heutzutage allerdings übersehen: die Brunnenfiguren «Rhein» und «Wiese» ruhen leicht versteckt hinter den Veloparkplätzen.

Was Burckhardts Arbeit auszeichnete, war seine Suche nach neuen Formlösungen: Inspiration fand er beim deutschen Bildhauer Adolf von Hildebrand, aber auch beim Franzosen Auguste Rodin. Burckhardt strebte danach, modern Zeitloses hervorzubringen, wie Tomas Lochman im Buch festhält.

Höhepunkte am Lebensende

Sein Sinn für elegante Formen machte ihn zum Vater der modernen Schweizerischen Plastik. Und sein Engagement – etwa für die Schaffung des Basler Kunstkredits – kam auch ihm selber zugute. So gewann er 1922 einen Kunstkredit-Wettbewerb für eine Figur am Kohlenberg. Er hatte sich wie bei allen Aufträgen ein genaues Bild vor Ort gemacht, Studien erstellt und sich für die schlanke Statuengruppe «Ritter Georg» entschieden, die er dem wuchtigen Jugendstilgebäude gegenüberstellte.

Die leichte Eleganz und Kraft von «Ritter Georg» wie auch der «Amazone mit Ross» bei der Mittleren Brücke stechen heute noch ins Auge. Sie zeigen Burckhardt auf der Höhe seiner kreativen, dynamischen Schaffenskraft und markieren zugleich das Ende seiner Karriere. Am 24. Dezember 1923 erlag er nach wiederholten Krankenheiten einer Lungenentzündung. Den Einweihungen der Grossplastiken wohnte er nicht mehr bei.