Wenn man sich selbst vom Weltraum aus als kleinen Punkt auf der Erde herumwuseln sieht, dann kann diese Astronautenperspektive die eigenen Probleme relativieren. Kulturwissenschafter Imanuel Schipper befürwortet eine zeitlich verschobene Perspektive auf uns selbst: den Blick aus der Zukunft zurück aufs Heute, das dann Vergangenheit sein wird. «So wie wir unser Zusammenleben gestalten, wie wir unsere Städte bauen, planen und organisieren, so wird unsere Kultur über Generationen hinaus geprägt», sagt er.

Wir sollten uns also gemäss Schipper öfter fragen: «Wie und woran wollen wir erinnert werden? Was für eine Kultur von morgen möchten wir als urbane Gesellschaft gestalten? Was für ein Recht auf Stadt wollen wir uns geben? Was kann die Kunst für die Gesellschaft tun?» Das von Imanuel Schipper und der Kaserne Basel kuratierte «Performacity», eine Art Festival der künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum, soll dazu anregen, über solche Fragen nachzudenken.

Keine Gedankensprünge nötig

«Performacity» beginnt heute in Basel und dauert bis zum 14. Juni. Es bietet Stadtinterventionen und Audiowalks europaweit bekannter Performance-Künstler, ein alternatives Stadtarchiv sowie zum Abschluss eine zweitägige Konferenz mit bekannten Rednern - etwa der Soziologin Saskia Sassen, dem Sozialwissenschaftler Harald Welzer und der Kulturwissenschafterin Aleida Assmann.

Es braucht nicht unbedingt grosse Gedankensprünge oder extreme Perspektivenwechsel, um die Umwelt neu wahrzunehmen. Manchmal reichen kleine, aber effektvolle Veränderungen, um einiges auszulösen. Zum Beispiel wenn einer auf einem öffentlichen Platz eine Glasbox mit einem lebendigen Menschen drin aufstellt, einer nackten alte Dame oder einem dunkelhäutigen Akrobat.

Dries Verhoeven tut das in seiner Installation «Ceci n'est pas...», die ab heute täglich von 15 bis 20 Uhr auf dem Claraplatz zu sehen ist. Der niederländische Künstler möchte Passanten so mit Themen und Menschen konfrontieren, die am Rande der Gesellschaft stehen und in der Öffentlichkeit kaum sichtbar sind.

Ebenfalls für den Claraplatz interessierte sich die Performance-Gruppe Gob Squad. Vor drei Jahren stellten die Spieler hier den Passanten grosse Fragen: über Liebe, Freundschaft, Freiheit, das Scheitern, den Tod - und Kaugummi. Was dabei herauskam, hat die Gruppe in einer filmischen Performance festgehalten, die nun am 12. und 14. Juni in der Kaserne gezeigt wird. «Wer diese gesehen hat, wird den Claraplatz nie mehr so wahrnehmen wie zuvor», verspricht Tobias Brenk, Dramaturg an der Kaserne Basel.

Man muss kein Raumplaner oder Architekt sein, um sich eine Stadt zu eigen zu machen. Auch mit persönlichen Erlebnissen können wir einen Ort für uns erobern. «Wir überschreiben ihn mit einer neuen sinnlichen und emotionalen Narration», sagt Schipper. Ein Audiowalk wie «Lest We See Where We Are» - ab heute bis 15. Juni fängt er alle 20 Minuten für einen Zuschauer beim Café Florida an - kann dabei helfen, Plätze neu wahrzunehmen und mit anderen Bildern zu verknüpfen. Die Stadt zur eigenen Bühne macht schliesslich die auch mit einem Audioguide geführte Performance «Walking the City».

Wie nehmen wir die Stadt wahr und warum? Wie erinnern wir Basel? Wo rührt uns Basel? Verschiedenste Bewohner Basels wurden gebeten , Sachen oder auch Worte, Ideen und Träume zusammenzutragen zu einem alternativen, künstlerischen Stadtarchiv. Was dabei herauskam, können sich alle Basler bis zum 14. Juni in der Kaserne ansehen.
Das Festival «Performacity» wird via «Shared Space» von Pro Helvetia mitfinanziert und ist Teil von «Second Cities», einem Zusammenschluss mehrerer Theaterhäuser aus mittelgrossen europäischen Städten, in denen die meisten dieser Performances in jeweils angepasster Form schon stattgefunden haben. Basel ist via Kaserne Basel eine Partnerin dieses EU-Netzwerks, an dem sich unter anderen auch die polnische Stadt Krakau oder das niederländische Utrecht beteiligen.

Abstimmung formt Zukunft

Als Folge der «Masseneinwanderungsinitiative» ist die Schweiz nicht beim Kulturförderprogramm «Creative Europe» dabei, was die künftige Zusammenarbeit etwas erschwert. «Aber das steht der Kunst bei diesem Festival nicht im Weg», betont Schipper. Das Abstimmungsresultat aber fange bereits an, unsere Zukunft zu formen. «Ausländische Mitbewohner unserer Städte - also Mitgestalter der Kultur von morgen - spüren die Folgen. Wie wir heute zusammen leben, prägt die Kultur der Zukunft, die Kultur unserer Kinder.» Können wir das später gewollt haben?

Kongressprogramm und Karten für die Performances: www.performacity.net sowie auf www.kaserne-basel.ch