Theaterfestival
Auch eine Flasche Balsamico-Essig kann einen berührenden Hamlet spielen

Die Idee ist so grössenwahnsinnig wie bestechend: Der ganze Shakespeare, alle 36 Dramen nacherzählt und nachgespielt. Die Schauspieler benötigen dafür nur einen Tisch, eine Auswahl gewöhnlicher Alltagsgegenstände und höchstens 60 Minuten pro Stück.

Susanna Petrin
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Die Shakespeare-Darsteller sind Flaschen und andere Gegenstände: Regisseur und Theaterleiter Tim Etchells mit Lady Macbeth (l.) und Macbeth (r.), einem Leinsamenöl, in den Händen. Kenneth Nars

Die Shakespeare-Darsteller sind Flaschen und andere Gegenstände: Regisseur und Theaterleiter Tim Etchells mit Lady Macbeth (l.) und Macbeth (r.), einem Leinsamenöl, in den Händen. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Das Projekt ist so wahnsinnig aufwendig wie schlicht: Regisseur Tim Etchells und sechs Schauspieler seiner Truppe «Forced Entertainment» haben sämtliche 36 Theaterstücke Shakespeares zu maximal einstündigen, märchenhaften Geschichten zusammengefasst. Jedes Stück wird von einem Schauspieler auf einem Tisch erzählt – mithilfe von gewöhnlichen Haushaltsgegenständen. So werden aus Essigflaschen, Cornflakes-Päckchen Charaktere oder WC-Bürsten Charakter-Darsteller. Allabendlich laufen derzeit je vier Stücke im Jungen Theater. Sie werden zudem live gestreamt und von Zuschauern auf aller Welt kommentiert, wie Fussballmatchs.

Wenn Sie mit Balsamico-Essig eine Salatsauce mischen, denken Sie dann an Hamlet? Oder beim Basteln mit Leimstiften an Macbeth’s Opfer?

Tim Etchells: Yeah, yeah. Diese Arbeit verändert auf jeden Fall die Art, wie man Gegenstände betrachtet – im Supermarkt oder zu Hause. Ich schaue etwas an und denke: Ah, das könnte ein guter Darsteller für jenes Stück sein.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass man Shakespeare mit gewöhnlichen Haushaltgegenständen aufführen könnte?

Wir haben uns in all den Jahren Shakespeare nie wirklich angenommen – generell keinen fertigen Stücken. Wir haben immer unsere eigenen Performances von Null an selber gemacht. Aber wenn man Engländer ist, lauert Shakespeare immer ein wenig im Hintergrund. Und wir haben uns immer dafür interessiert, wie Sprache Bilder auf die Bühne bringt. Und wie man ein Publikum dazu bringt, die eigene Fantasie so zu nutzen, dass etwas stattfinden kann. So kamen wir auf dieses Low-fi-Marionettentheater. Wir dachten daran, wie man Kindern am Küchentisch Geschichten erzählt, wenn man etwa Salz- und Pfefferstreuer zusammen einen kleinen Tanz aufführen lässt. Wir dachten auch an Bankräuber, die ihren Coup mithilfe von Gegenständen planen, um klarzumachen, woher das Fluchtauto kommt. Es ist ein sehr menschlicher Impuls, Gegenstände für Menschen einstehen zu lassen und daraus Geschichten zu fabrizieren.

Wie haben Sie entschieden, was wen spielt? Haben Sie tagelang Küchen und Keller durchforstet?

Die sechs Performer haben je sechs Stücke übernommen. Und sie waren selber verantwortlich für das Casting. Sie gingen also durch Supermärkte, Küchen und Kellerregale, auf der Suche nach Objekten. In jedem Stück gibt es eine Konsistenz, die fürs Verständnis der Geschichte hilfreich ist: In Romeo und Julia etwa braucht Terry O’Connor die Farben Rot und Blau als Signal dafür, wer zu den Montagues und wer zu den Capulets gehört. Oder in Coriolanus wählt Jerry Killick einen lächerlich grossen Silberpokal, um zu demonstrieren: Hier ist er, der grosse General, der alles dominiert. Manchmal ist es sehr offensichtlich, manchmal absurd.

Alles kann also lebendig werden?

Als Erstes führt man ein Objekt als jemanden ein und sagt: Das ist Hamlet. Am Anfang hat das etwas leicht Absurdes, es ist eine symbolische Geste. Aber je länger man den Gegenstand wie Hamlet behandelt und je mehr wir als Zuschauer emotional darin investieren, desto eher fangen wir an die Objekte so zu betrachten, als ob sie demnächst zu sprechen beginnen würden oder denken könnten. Und wenn ein Performer die Gegenstände mal verwechselt, ist es für das Publikum wirklich beleidigend.

Das ist also der Trick: Man behauptet, diese Essigflasche ist Hamlet und es funktioniert?

Nein. Es kommt sehr darauf an, wie man das Objekt physisch behandelt. Man darf Hamlet nicht wie eine banale Flasche behandeln, sondern sorgfältig. Wichtig ist auch die Aufmerksamkeit, welche die Performer den Gegenständen schenken. Dass sie sie anschauen, auf sie fokussieren. Das alles ist im Marionettenspiel gängig. Wenn man Leben im Gegenstand sieht, dann weil das vom Performer aus kommt.

Und weil das Publikum mitmacht

Weil der Performer dazu einlädt. Es ist eine lächerliche Idee. Und wir fangen unsere Performances oft mit einem etwas lächerlichen Setup an. Aber wenn es mal läuft, ist es wundersam wirksam und stark. Und das liebe ich, diesen Akt, in etwas Magisches hineinzugeraten – wo man am Anfang dachte: «Oh, dear, das wird ein langer Abend.» Das ist es nicht. Es wird sehr dramatisch, die Geschichten passieren wirklich auf diesem Tisch.

Hat dieser Ansatz ihr Verständnis der Shakespeare-Texte verändert?

Wenn man diese Stücke in dieser sehr kondensierten, narrativen Form bringt, erfasst man ihre Struktur viel besser. Es gibt Stücke mit einer perfekten Struktur, deren mathematische Symmetrie ein Genuss ist. Vor allem die Komödien mit all diesen Paar-Konstellationen, die sich in all diese anderen Paare verlieben. Dann gibt es Stücke – lass uns sagen, nicht seine besten Arbeiten –, in denen man die chaotische Dramaturgie spürt. Wir haben alle auseinandergebeinelt; wie beim Auseinandernehmen eines Automotors, haben wir alle Einzelteile auf den Boden gelegt. Dann sieht man, wie der Mechanismus jedes Stücks funktioniert.

Verstehen Sie jetzt die Texte auch anders, haben Sie neue Interpretationen oder etwas Neues entdeckt?

Ich kann keinen Einzelaspekt herausnehmen. Aber wie wir die Stücke darstellen, die Art, wie die Menschen spüren, dass wir es tun, ist einzigartig. Das bietet ein neues Verständnis für die Stücke, aktiviert etwas Neues.

Und Sie selber, was haben Sie Neues über diese Werke erfahren?

Viel. Ich habe in meinem Leben vielleicht sechs genauer studiert, ein paar mehr gesehen. Es war grossartig, sie alle kennen zu lernen, ihre Machart besser zu verstehen. Es ist auch interessant zu sehen, wie er gewisse Sachen immer wieder gebraucht hat, Ideen rezykliert hat. Die historischen Dramen kannte ich vorher nicht gut. Ich habe sie wirklich lieben gelernt. Es ist auch fast schockierend zu merken, wie stark er unsere Sprache geprägt hat.

Shakespeare ist der Beste, sind Sie damit einverstanden?

Das gibt es nicht, ein Wettbewerb wäre dumm. In England ist er ein kulturelles Ikon. Das ist grossartig, aber auch ein schweres, totes Gewicht. Wir bringen diese mächtig kulturelle Kraft in Kontakt mit all diesen lächerlichen, billigen Gegenständen. Eine schöne Kollision des Wichtigen mit dem Gewöhnlichen. Und in dieser Begegnung zweier Impulse ist trotzdem alles noch möglich und da: Komödie, Tragödie, Pathos.

Warum ist Shakespeare Ihrer Meinung nach bis heute der häufigst gespielte Dramatiker?

Es sind, in vielen Fällen, grossartige Geschichten, die inzwischen einen ikonischen Status erreicht haben. Die Sprache, die Poesie, die Dichte ist aussergewöhnlich und stark. Und sie sind wie Open-Source-Dokumente heutzutage: Jeder kann alles damit machen. Die Stücke sind das Material geworden, aus dem Autoren und Regisseure sich bedienen, um daraus etwas Eigenes zu erfinden. Es ist egal, was vorher damit war. Was wichtig ist, dass sie eine lebhafte, lebendige Quelle bieten, die ständig Neues aktivieren kann.

Haben Sie durch das Projekt auch Neues über das Theater gelernt?

Man könnte glauben, dass in dieser Reduktion auf ein kleines Marionettenspiel auf einem Tisch nicht viel Theater drin ist. Aber interessanterweise steckt da sehr viel Theater drin: Alle Fragen über das Schauspielen, darüber, wie man eine Geschichte fürs Publikum begreiflich macht, was visuell Sinn macht. Es war sehr instruktiv und herausfordernd für die Performer. Sie mussten herausfinden, wie sehr sie sich emotional dreingeben sollten, wann sie sich zurückziehen sollten, um dem Moment Gewicht zu geben, wann sie schneller durch den Plot blättern können.

Sie machen seit über 30 Jahren Theater. Was lässt Sie weitermachen?

Projekte zu finden, die uns fordern und in neues Terrain führen. Bei diesem trifft das besonders zu. Wir haben vorher nie ein Stück per se aufgeführt, nie Shakespeare.

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