«Anecken muss sein!»

Rammstein ist viel mehr Theater als Rock. Die Band provoziert mit Stahlgewittersound und pornografischen Videoclips. Heute erscheint ihr neues Album «Liebe ist für alle da».

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Rammstein

Rammstein

Albert Kuhn

Normalerweise werden Bands nach Gegenständen, Orten oder Gefühlen benannt. Den umgekehrten Prozess gibts so gut wie nie. Eine Ausnahme ist der am 11. Oktober 2001 entdeckte Asteroid 110393 Rammstein. Er ist drei bis sechs Kilometer dick und kreist in ungefähr vierhundert Millionen Kilometer Abstand um die Sonne. Der Kleinplanet wurde nach einer 1994 gegründeten deutschen Band genannt, die sich ihren Namen von der Stadt Ramstein lieh, Schauplatz einer DDR-Flugshow 1988, die im Desaster endete.

Es gibt nicht richtige und falsche Kunst. Auch Singen kann verschiedene Absichten haben: Beschreibung, Ironie, Provokation, Lust am Widerspruch, taktische Identifikation mit einem Vorbild oder Gegner. Die Gretchenfrage ist vielmehr, was Kunst oder Musik auslösen. Rammstein haben da ein Problem mit den vordersten Reihen des Publikums: Da stehen immer wieder Nazi-Freunde herum und versuchen, die düstere Rammstein-Show in ein dunkelbraunes Loch hinunterzuspülen.

Rammstein haben eine eigene Position zwischen den Stilen geschaffen - eine Art schreckliche Schlager mit Texten, die klassisch romantisch anfangen und meist in Elend, Blut oder abseitigem Sex enden. Der martialische Sound führt dazu, dass Rammstein-Hörer auch bei vergleichsweise lieblichen Texten ein böses Ende suchen oder vermuten.

Sänger ist Till Lindemann, geboren 1963 in Leipzig, Sohn des Dichters Werner Lindemann, Vize-Jugendeuropameister über 1500 Meter Schwimmen und Besitzer einer Befähigung nach Paragraf 20, Spreng-Gesetz, womit ihm erlaubt ist, auf der Bühne Pyrotechnik einzusetzen. Auf der Platte beginnt er mit einem Song, der sich von gregorianischen Chorgesängen in eine gitarristische Hymne mit dem Schlachtruf «Ramm! Stein!» wandelt.

Und den Mottos: «Manche führen, manche folgen, Herz und Seele, Hand in Hand! Fressen und Gefressenwerden, wir nehmen wenig, geben viel! Wenn ihr keine Antwort wisst: Richtig ist, was richtig ist!» Oder «isst». Viele Textpassagen verdanken sich dem nächst- oder zweitnächstliegenden Reim. Rammstein wühlen einigermassen planlos in Sümpfen und was sich warm und weich oder kalt und hart anfühlt, wird in Text und Musik überführt.

Die Band weiss, was sie kann - und was nicht. Sie benutzt immer wieder Elemente aus dem Metal-Bereich, es würde ihr aber nie einfallen, ein reguläres Heavy-Metal-Album herauszugeben. Erstens könnten und zweitens wollen sie das gar nicht.

«Waidmanns Heil» zum Beispiel. Der Song eröffnet mit wagnerianischen Posaunen und fährt schnell und metallisch weiter. Er sei in Hitze schon seit Tagen, singt der Sänger, die Jagd auf Fleisch müsse beginnen. Die Philosophie dazu: «Auf dem Lande, auf dem Meer lauert das Verderben - die Kreatur muss sterben, sterbeeen.» Und der Refrain: «Waidmanns, Manns, Manns, Manns Heil.» Da kann, wer will, die bösesten Absichten unterstellen: Heil-Hitler-Rufe, Todes-Sehnsucht und Mordeslust.

In «Haifisch» versucht die Band, den weichen Kern unter ihrer harten Schale zu beleuchten: Wir halten das Tempo, wir halten unser Wort. Wenn einer nicht mithält» - und jetzt erwartet man: er wird liegen gelassen oder erschossen, aber nein: «dann halten wir sofort.» Und weiter: «Wir halten die Augen offen, wir halten uns den Arm, sechs Herzen, die brennen, das Feuer hält euch warm.» Rührend naive Marschlied-Lyrik, Stahlgewittersound und eine Hymne vom Zusammenhalten. Abstrus, konfus, aber weder bösartig noch rechts.

In «Bückstabü» spielt Till Lindemann die böse Stimme im Ohr, er benutzt ein selbst erfundenes Wort, um etwas Unbekanntes zu bezeichnen - es könnte ein Fluch sein, eine Droge, etwas Verworfenes. Und flüstert: «Bückstabü - tu das niiiicht.» Und so wird das Dilemma gelöst: «Zwei Seelen, ach in meinem Schoss, es kann nur einer überleben. Beim ersten Mal tut es nicht weh, ein zweites Mal wird es nicht geben.» Alles umgedrehte Redensarten, Spielerei, der Spass von Tunichtguten.

Interessanter als der Nazi-Vorwurf ist das offensichtliche Wühlen an moralischen Grenzen. Etwa die Songtitel von früheren Alben: «Bück dich», «Bestrafe
mich», «Mein Teil», «Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen» oder «Liebe ist für alle da», der Titelsong des neuen Werkes. Das Cover illustriert die Liebe als Abendmahlszene, auf dem Tisch eine Frau, wohl tot, der Sänger mit Hackebeil in der Hand. Reine Provokation.

Rammstein-Schlagzeuger Christoph «Doom» Schneider sagt dazu am Telefon: «Unser neues Album geht in verschiedene Richtungen. Es ist härter, frischer, weniger getragen, weniger Pathos.» Songs wie «Pussy» und «Ich tu Dir weh» künden unverhüllt von der Beschäftigung mit Randgebieten wie Sadomasochismus. Schneider: «Ja, wir fühlen uns zuständig für Randgruppen, für extreme Formen von Liebe und Beziehung. Anecken muss sein, Rock muss provozieren.»

Rammstein sind bekannt für ihre ostdeutsche Streitkultur - eine Kombination von Seventies-Alternativ- und dialektischer DDR-Schulung auf höchstem Niveau. Sich mit irgendeinem von Rammstein in Sachen Geschichte, Logik oder Philosophie anzulegen, heisst es, kann nur im Fiasko enden. Die unterscheiden zwischen «an sich» und «für sich» und jonglieren mit der «Durchdringung der Gegensätze», unterteilt in logische, reale und real dialektische, dass die Schuhbändel wegfliegen und das Bier gefriert. «Na, na» relativiert Schneider, «wir streiten uns hin und wieder auch nicht.»

Rammstein Liebe ist für alle da. Universal.

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