Andreas Neeser

Aargauer Schriftsteller sagt über seinen Generationenroman: «Keiner kann aus seiner Haut»

Nachdenklicher Menschenforscher: Der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser.

Nachdenklicher Menschenforscher: Der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser.

In seinem neuen Roman erzählt der Aargauer Schriftsteller Andreas Neeser präzise vom Mentalitätswandel. Ein Gespräch über seinen Blick auf vier Generationen seit der Nachkriegszeit.

Die Lebensgeschichte ihrer Hauptfigur Johannes gleicht stark der eines Verdingkinds. Hatten Sie ein reales Vorbild?

Andreas Neeser: Auslöser dieses Buches war der Hausmeister im Künstlerhaus Edenkoben in Rheinland Pfalz, wo ich 2012 Stipendiat war. Er war begeisterter Kunstschlosser – und entsetzt, dass ich nichts über das Metier wusste, obwohl mein Vater auch Schlosser gewesen war. Er ermahnte mich, möglichst viel über meinen Vater und seine Generation herauszufinden. Das sei ich nicht nur ihm und seiner Generation, sondern auch mir selbst schuldig.

Das hat Sie offenbar überrascht und aufgerüttelt.

Meine Eltern waren mir immer Gegenwart gewesen. Für ihr Vorleben und die Zeit, in der sie aufgewachsen waren, hatte ich mich nicht interessiert, geschweige denn für die Generation ihrer Eltern. – Also begann ich zu recherchieren über die 30er-, 40er-, 50er-Jahre und führte Gespräche mit meinen Eltern, vor allem mit dem Vater.

Ihr Buch ist seine Biografie?

Nein. Ich wollte nie ein Vaterbuch schreiben. Ich wusste gar nicht, was anfangen mit dem Material. Bis ich immer wieder mit Erzählungen von heutigen Jugendlichen konfrontiert wurde, die ihre Väter verklagen oder sie für tot erklären. Da wurde mir klar, was mich interessierte: der zunehmend erfolgreiche Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit. Die Emanzipation der Kinder von ihren Vätern. Ich wollte herausfinden, wie Vater-Kind-Beziehungen geprägt sind und sich über die Generationen verändern. Was in nicht einmal hundert Jahren passiert ist, finde ich bemerkenswert.

Warum ist die wichtigste Erzählerfigur kein Andreas, sondern eine Monika, also nicht der Sohn, sondern die Tochter des Johannes?

Das erlaubte mir zum einen mehr künstlerische Freiheit, und zum anderen ging es mir nie um die Darstellung eines Vater-Sohn-Konflikts. Vielmehr sollten über Generationen hinweg die Vater-Beziehungen von Söhnen und Töchtern exemplarisch untersucht werden.

Mona fordert ihren alten Vater Johannes auf, ihr sein Leben auf Tonband zu sprechen, als Rezept gegen die Entfremdung zwischen ihnen. Sie führt dann für uns Leser eine Art Selbstgespräch, mit ihrem Zorn, ihren Vorwürfen. Sie leidet unter der Entfremdung zwischen ihr und dem Vater. Warum liest man Johannes’ Bericht nicht?

Es ist nicht nötig. Aus Monas Monologen lässt sich erahnen, was er sagte; zudem wird die Jugendgeschichte des Johannes in einem eigenständigen Handlungsstrang erzählt.

Ihr Roman spielt auch in der Gegenwart. Mona ist geschieden, kümmert sich um den syrischen Flüchtling Salim, hat eine aufmüpfige Teenagertochter, die ihren rassistischen Vater hasst.

Sie meinen, ich hätte noch etwas Gesellschaftskritik einbauen wollen? – Das wäre billig. Monas Engagement ist aus der Figur heraus motiviert. Sie ist eine Art Scharnier zwischen ihrem Vater und dem Flüchtling. Ein Leben lang ist sie zunehmend daran verzweifelt, dass der Liebe zwischen ihr und dem Vater etwas fehlt, dass er sich immer mehr in eine tiefe Resignation und demütige Bitterkeit zurückzieht. Helfen kann sie da nicht mehr. Als ehrenamtliche Übersetzerin für das Migrationsamt aber kann sie etwas bewirken. Da trifft sie auf Menschen, die sie tatkräftig unterstützen kann. Dazu habe ich viel recherchiert, Gespräche geführt mit Betroffenen. Mona hilft diesen Menschen, Grenzen zu überwinden, kleine Schritte zu gehen in die Freiheit. Wie es Johannes getan hat früher. Wie sie selbst und ihre Tochter es tun. Jeder auf seinem Weg. «Wie wir gehen», eben.

Monas Tochter wirft ihr Gutmenschentum vor.

Ja, die Tochter ist gewitzt, und hat da auch ein Stück weit recht. Was nur zeigt, wie vielschichtig die Figur ihrer Mutter ist.

Die Jugend des Johannes in der Nachkriegszeit ist düster. Sein Vater Gottlieb behandelt ihn wie einen rechtlosen Knecht, sagt: Das ist nicht für unsereins. Eine verstockte, demütige Generation?

Mein Roman ist zwar auch ein Stück Zeitgeschichte, aber keine soziologische Studie. Die literarischen Figuren stehen für eine vergangene gesellschaftliche Realität. Etwas davon habe ich mitbekommen an meinem Kindheitsort. Gewiss gab es im Dorf auch vermögende Leute, doch die meisten hatten keine andere Wahl, als sich in ihr Schicksal zu fügen, klein zu bleiben. Insofern war das damals eine enge Welt, wenn auch eine mit Perspektiven. Johannes steht für eine soziale Schicht, die in den Vierzigern in finanziell sehr prekären Verhältnissen aufwächst. Er kommt nicht mal auf die Idee, aufzumucken oder gar auszubrechen. Die Spielräume der nächsten Generationen werden dann immer grösser. Mona studiert Arabisch. Ihre Tochter steht mit einer Selbstgewissheit und Entschlossenheit im Leben, die ich beneide.

Hatten Sie keine Angst, die Geschichte des Johannes würde mit all der Ausbeutung, der Hartherzigkeit und Krankheiten zu rührselig?

Wenn das Schicksal von Johannes berührt, vielleicht Verständnis weckt für eine vollkommen andere, noch nicht so lange vergangene Zeit, dann würde mich das freuen. – Seine Lebensleistung ist ja bemerkenswert. Mit dem eigenen Ersparten hat er sich die schrecklich schiefen Zähne richten lassen, er hat die Liebe gefunden, ein Haus gebaut. Aus dem Teilzeitverdingten wird ein geselliger, humorvoller Mann – bis ihn ein tot geborenes Kind und der Krebs wieder brechen. Nur, Johannes ist immer auch der Sohn von Gottlieb, der Vater von Mona, der Grossvater von Noëlle. Für mich sind die Mitglieder dieser Familie einzeln nicht zu denken, da ich immer auch den Generationenbogen im Blick habe. Und vielleicht ist es eben wirklich so: Keiner kann aus seiner Haut.

Buchvernissage: Mi, 22. Januar, 19 Uhr, Literaturhaus Lenzburg, Moderation Philipp Theisohn.

Andreas Neeser: Wie wir gehen. Roman, Haymon, 213 S.

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Autor

Hansruedi Kugler

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