Was für die heutigen, tonangebenden Fashion-Freaks Instagram und SnapChat sind, das waren für die Influencer von vorgestern die Maler und Kupferstecher. Denn ob Königin, Krieger,

Mätresse oder schwerreicher Bürger: Man wollte sein Bild der Nachwelt hinterlassen. Aber nicht irgendein Bild, sondern selbstverständlich eine Darstellung, die zeigte wie wichtig, mächtig, schön, modern, gescheit, innovativ, züchtig, verführerisch ... kurz wie aussergewöhnlich man ist. Wobei «man» beim Thema Mode nicht nur Frau meint. Denn wie schon William Shakespeare festgestellt hatte: «Eitelkeit, dein Name ist Mann.»

Nehmen wir Wilhelm Frölich von Solothurn: Anno 1549 liess er sich von Hans Asper malen. Der braune Bart schön gekämmt, der Blick streng. Aber das ist Nebensache – wichtiger ist die blauschimmernde Rüstung, die sich samt schwerer Goldkette mächtig über dem Wohlstandsbauch wölbt, das Schwert in der Hand und im krassen Gegensatz dazu die knallroten, geschlitzten Strümpfe. Genau im Zentrum des Gemäldes platziert ist die lustig aus der Rüstung quellende Schamkapsel, das männliche Protz-Accessoire der damaligen Männermode, das heute wohl nicht mal ein aufgepimpter Rapper zu tragen wagt.

Doch auch die Damen wagten: Mit Décolletés, die den Busen halb freilegten, Frisuren, die Türmen glichen, und mit monströsen Reifröcken, auf denen sich der Reichtum zur Schau stellen liess. Dass die Trägerinnen für uns eher wie wandelnde Christbäume aussehen, ist natürlich eine böse Interpretation. Ebenso die Unterstellung, dass männliche Maler (und mit ihnen ihre Auftraggeber) Göttinnen und historische Frauenfiguren deshalb so liebten, weil sie dabei auf Kostüme verzichten oder beim «Selbstmord der Lucretia», die sich das Schwert in die Brust rammte, selbstverständlich das Kleid öffnen durften.

Schaugenuss in Zürich

Mit rund 230 Exponaten – Gemälden, Karikaturen, aber auch wertvollen historischen Kostümen – feiert das Kunsthaus Zürich in seiner grossen Sommerausstellung «Fashion Drive» extreme Mode in der Kunst von der Renaissance bis heute. Die Ausstellung ist so üppig wie lustvoll. Der Erkenntnisgewinn für Kunsthistoriker ist vielleicht etwas
gering, der Schaugenuss für das Publikum umso grösser. Ebenso der Unterhaltungswert. Denn nicht nur die Falten des Barock oder die Absurdität der Prunk-Kampfröcke sind herrliche Sujets.

Auch im 20. und 21. Jahrhundert erfanden und finden Künstlerinnen und Künstler so Schräges wie Schönes: Papierkleider (Meret Oppenheim und Hugo Ball), abstrakte Gebilde (Natalja Gontscharowa) oder Punk als High-End-Mode (Vivienne Westwood). Sie klauen so furchtlos, wie sie kritisieren (Michelangelo Pistoletto), oder halten der Gesellschaft mit ihrem Modelwahn und ihrer neuen Scham den Spiegel vor. Jakob Lena Knebl kreiert Mischformen von Mode, Möbeln und Design oder zieht Rodins nacktem Bronze-Mann ein luftiges Kleid über – und schon gibts endlich die Bürgerin von Calais.

Schönheit und Wahnsinn

Der Fantasie in Mode und Kunst wären also auch heute keine Grenzen gesetzt. Was einem in dieser Ausstellung auffällt, sind die Besucherinnen und Besucher. Oder eben nicht: Denn wie extrem langweilig sind wir angezogen! Rote Socken, ein Foulard oder ein bunt gestreifter Blazer scheinen in unserem Alltag das Höchste an Exzentrik. Im Zeitalter des smarten Casual brauchts keine Gesetze mehr gegen die «verschwenderischen Alamodereien», wie sie Zürich, Basel und Luzern im Laufe der Reformationszeit erlassen haben. Es sei denn, man störe sich an geschlitzten Jeans oder durchsichtigen Blüschen. Dass aber bereits Königin Marie-Antoinette aus Anbiederung an die armen Leute dem Durchsichtigen frönte, Joseph Beuys schon 1984 eine Jeans mit kreisrundem Loch am Knie als wegweisend kreierte und die Top Models wie Königinnen inszeniert werden, zeigt: alles schon da gewesen.

Neuerfindungen sind also schwierig, Fantasie und Mut selten. Am 5. Mai gibt es allerdings für alle, die sich modisch profilieren möchten oder auch nur Gelegenheit für ein paar gute Instagram-Posts à la Top-Model suchen, eine gute Gelegenheit: Dann lädt das Kunsthaus zum Kostümball. Getreulich dem Motto der diesjährigen Zürcher Festspiele: «Schönheit und Wahnsinn». «Es gibt dafür noch freie Plätze», war eine der wichtigen Botschaften von Kunsthaus-Direktor Christoph Becker gestern Donnerstag an der Medienorientierung und an der Vernissage.