Aufbruchstimmung, Proteste und gesellschaftlicher Wandel prägten das legendäre Jahr 1968. Im Aargau wurde nach über zehnjähriger Vorgeschichte am 15. Dezember über ein Kulturgesetz abgestimmt. 54 Prozent der Aargauer Männer – nur sie waren stimmberechtigt – sagten «Ja zur Förderung der Kultur». Das hatte niemand erwartet. Die Aargauer Medien wie die Politik reagierten ziemlich verwundert.

Der Aargau besass damit als einer der ersten Kantone – und Jahrzehnte vor dem Bund – ein Gesetz, das Kultur als Staatsaufgabe und damit verbunden als Staatsausgabe definierte. Zuvor musste der Regierungsrat jeweils fantasievoll Wege und Konti finden, um Kultur aus dem ordentlichen Budget mit zu finanzieren – oder einfach alles und alle auf den Lotteriefonds verweisen.

Das Kuratorium muss sich und die Kultur in rauer See und im politischen Gegenwind behaupten .

Das Kuratorium muss sich und die Kultur in rauer See und im politischen Gegenwind behaupten .

Wichtig und einzigartig war, dass der Aargau ein von der Politik unabhängiges Gremium mit der Kulturförderung beauftragte: das Kuratorium zur Förderung der Kultur. Das Parlament legt auf Antrag der Regierung alljährlich den Gesamtkredit fest – das ist sein einziges Instrument, um Einfluss zu nehmen. Die Unabhängigkeit war gerade in diesen konfliktreichen 1960er-Jahren wichtig, stoppten in anderen Kantonen Regierungen immer wieder Beiträge, wenn Kulturprojekte oder Künstler staatskritische oder politisch und gesellschaftlich nicht genehme Themen und Thesen vertraten. Zudem wollte man verhindern, dass die Politik inhaltlich gar bestimmt, was Kunst ist. «Keine Staatskunst» lautete die Losung.

Im Aargau herrschte nach dem Inkrafttreten des Gesetzes am 1. April 1969 nicht nur Euphorie, sondern auch Angst, das unabhängige Kuratorium könnte Dinge pflegen, die nicht mehrheitsfähig seien. Was es dann tatsächlich immer mal wieder machte – und politischen Gegenwind auslöste.

Monatelang musste der erste Präsident Markus Roth, Initiant und Mitverfasser des Gesetzes, warten, bis alle elf Mitglieder gewählt waren. «Die mühsame Bestellung markierte den Anfang einer bis in die heutigen Tage spannungsreichen Beziehung zwischen Grossrat und Kuratorium.» Das schreibt Historiker Roger Sidler im Buch zum 50-Jahr-Jubiläum.

Regeln gelten bis heute

Geld zu vergeben hatte das Kuratorium anfangs fast keines, mussten aus dem sogenannten Kulturprozent zuerst die angehäuften Schulden der Denkmalpflege bezahlt werden. Andrerseits hatte die Aussicht auf denkmalpflegerische Beiträge an Private für die Annahme des Gesetzes eine wichtige Rolle gespielt, meinten Beobachter damals.

Vorgespurt wurden bereits im ersten Elfergremium Regeln, die bis heute gelten: Es wurden Fachgruppen gebildet und man beschloss keine eigenen «Unternehmungen» durchzuführen, sondern nur Beiträge auf Gesuch hin zu sprechen. Das Kuratorium konnte und wollte zudem weder die Ausgaben der Gemeinden noch des Kantons übernehmen (wie die Finanzierung des Kunsthauses oder der Bibliotheken). Roger Sidler schildert diesen Kulturkampf von Markus Roth und die pragmatischen Anfänge im Buch sehr anschaulich.

Frischer Wind

Das Kuratorium beflügelte den zeittypischen kulturellen Aufschwung: Theater, Kunsträume, Orchester wurden gegründet, kreative Tätigkeiten galten bald als angesagt und gesellschaftlich anerkannt. Gesuche und Budget des Kuratoriums stiegen kontinuierlich an: 1980 wurden von 207 Gesuchen 106 bewilligt; 2018 waren es 427 von 761. 1970 hatte das Gremium erst 300 000 Franken Kredit, 1980 bereits 1,5 Millionen, und 2010 wurde der Höchstwert von 6,2 Millionen Franken erreicht.

Nach wenigen Jahren schon zeichnete sich das Grunddilemma des Kuratoriums ab: Zu viele Dauerbezüger blockierten einen Grossteil des Kredites – für Neues fehlte das Geld. Oder manchmal auch das Gespür. Trotzdem: Roger Sidler konstatiert für die 90er-Jahre «Luftzufuhr» durch mehr Geld, Aufbruchstimmung – und Selbstbewusstsein. Das Gremium bewilligte sich selber «Jokers» und brachte damit so wichtige Dinge wie die Museumspädagogik im Aargauer Kunsthaus oder die Förderung von Schultheater überhaupt erst zum Laufen.

Geschärft und eingeschränkt

Seinen Betrieb professionalisierte das Kuratorium ebenfalls, wenn auch eher später als die Kulturszene selber: 1998 stellte es mit Hans Jörg Zumsteg seinen ersten Geschäftsführer an, setzte vermehrt auf Fachexperten im Gremium selber und verstärkte das Fachwissen seines Sekretariates, das zur Fachstelle wurde.

2009 gelang – wieder zum Erstaunen vieler – die Revision des Kulturgesetzes. «Die Aufgabe des Kuratoriums wurde geschärft», wie der jetzige Präsident Rolf Keller schreibt. Aber auch eingeschränkt: nicht mehr Kultur, sondern Kunst (aus allen Sparten) soll es fördern. Vom sogenannten Kulturprozent – das ausser 1991 vom Grossen Rat nie voll bewilligt worden war – verabschiedete man sich dabei. Neu kann der Kanton selber aus dem ordentlichen Budget Betriebsbeiträge an Institutionen zahlen – an die sogenannten Leuchttürme. Das entlastet einerseits das Budget des Kuratoriums, entzieht ihm andrerseits aber Einfluss und Renommee.

Generell bläst dem Gremium heute aus dem Parlament ein kalter Wind entgegen: Der Kredit ans Kuratorium wurde seit 2010 nicht nur eingefroren, sondern wurde durch die Regierung und den Grossen Rat 2015 sogar um 1,3 Millionen gekürzt – mit einer Kompensation aus dem Swisslos-Fonds. Eine Abhängigkeit und Willkür, die das Gesetz 1968 beheben wollte.

Nach 50 Jahren Kuratorium kann man bilanzieren: Kulturförderung ist auch im Aargau zwar selbstverständlich geworden, aber nicht unumstritten.

Sauerstoff für Kunst und Kultur 50 Jahre Kulturgesetz und Kuratorium im Aargau. Verlag Hier und Jetzt, 240 Seiten.