Mein Gott, Bruce! Auf dem Cover galoppiert ein reiterloser, feuriger Hengst durch die amerikanische Prärie. Ähnlich klischiert geht’s im Booklet weiter: Zelebriert wird Cowboy-Romantik und die reine Seele Amerikas. Kitsch pur! Wir ahnen Schlimmes.

Im Zentrum von «Western Stars», dem neuen Album von Bruce Springsteen, steht seine Stimme, die sich von der akustischen Gitarre begleiten lässt. Die Steel-Gitarre, gelegentlich ein Banjo oder ein Akkordeon, sorgen bei den melancholisch gehaltenen Songs zwischen Folk und Country für die passende klangliche Farbe.

Die bewährte E-Street Band hat Springsteen dagegen zu Hause gelassen. Das Album ist aber nicht sparsam instrumentiert wie sein meisterhaftes Solo-Werk «Nebraska» von 1982. Stattdessen hüllt ein 20-köpfiges Orchester mit Streichern und dezenten Bläsern die Songs in Watte.

Easy Listening mit Bruce

Der Gegensatz zwischen asketischer Begleitung und opulentem Grossorchester ist durchaus reizvoll, wo sich das Orchester wie in Songs wie «The Wayfarer», «Hitch-Hiking», «Western Stars» oder «Sleepy Joe» anschleicht, steigert und eine Spannung entstehen lässt. Die Mehrheit der Songs überschreitet für uns aber die Grenze des Erträglichen. Es trieft der Schmalz. Es herrscht der totale Wohlklang. Easy Listening mit dem Boss!

Endgültig Alarm schlagen wir bei Textpassagen wie «Hello Sunshine, won’t you stay» oder «I’m searching for Love» in «There Goes my Miracle». Es sind Sätze, die wir einer Beatrice Egli verzeihen, aber sicher nicht einem Springsteen.

Das Musikvideo zu «Tucson Train» von Bruce Springsteens neuem Album «Western Stars».

Oder ist alles wieder nur ein Missverständnis? Wie damals mit «Born in the USA», als der Anti-Kriegs-Song da und dort fälschlicherweise als Schlachtruf des konservativen Amerikas wahrgenommen wurde?

Kein Wort über Trump

Auffällig ist jedenfalls, dass Springsteen Präsident Trump mit keinem Wort erwähnt. Der Boss hat sich immer als singender Chronist des aktuellen Amerikas verstanden, doch auf «Western Stars» ignoriert er den umstrittenen amerikanischen Präsidenten in dreizehn Songs, die ganzen 50 Minuten 50 Sekunden. Da ist nicht einmal eine Andeutung oder eine Metapher.

Springsteen straft Trump mit Missachtung. Wie wenn er sagen würde: Dieser Trump ist es einfach nicht wert, sich mit ihm und seinem Amerika zu befassen. Stattdessen zeichnet und besingt Springsteen sein Amerika. Erzählt von kleinen Menschen mit grossen Träumen, von verunsicherten Männern voller Sehnsucht und Liebe, von Reisen durch ein besseres Amerika. Es ist ein versöhnliches Amerika, seine heile Welt. Irgendwie ein Gegenentwurf zum heutigen Amerika der Feindseligkeit und des Misstrauens unter Präsident Trump. So gedacht, ist «Western Stars» sogar ein hochpolitisches Werk und beinahe schon subversiv. Subversiver Schmalz.