Literatur
Diese Dichterin war brillant und emanzipiert - schon im frühen 17. Jahrhundert

Sibylla Schwarz wurde nur 17 Jahre alt, hinterliess aber ein selbstbewusstes dichterisches Werk. Zum 400. Geburtstag am 24. Februar ist es wieder greifbar.

Florian Bissig
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Sibylla Schwarz.

Sibylla Schwarz.

Bild: Herzog August Bibliothek

Sie war eine Pionierin, und die erste Gesamtausgabe einer Dichterin deutscher Sprache galt ihr: Sibylla Schwarz, geboren am 24. Februar 1621. Ihre «Deutschen Poëtischen Gedichte» erschienen 1650, zwölf Jahre nach ihrem Tod. Eigentlich ist ihr Platz in der Literaturgeschichte längst anerkannt. Die Umstände ihres Wirkens sind ja auch einprägsam: Ihr früher Tod und ein Werk, das auf der Höhe der Dichtung ihrer Zeit war.

Erst bewundert, dann fast vergessen

Zunächst wurde sie als «Pommersche Sappho» gefeiert. Ihre Wirkungsgeschichte ist allerdings in den vergangenen 200 Jahren nur mehr ein dünner Faden. In Gedichtanthologien findet sich zwischen den Dichterkollegen Fleming und Opitz, wenn überhaupt, meist nur ein einziges Sonett.

Dabei hatte Schwarz eine eigenständige poetische Sprache entwickelt. Sie spielte nicht nur die gängigen metrischen Formen durch, sondern erweiterte das Spektrum, etwa mit der Verwendung von kurzen Zeilenformen im Sonett, das ihm einen schmallippigen Ton verleiht:

«Cloris, deine roten Wangen, / deiner Augen helles Licht, / und dein Purpurangesicht / hält mich nun nicht mehr gefangen.»

Dass ihre Liebeslyrik an Frauen gerichtet ist, ohne dass deren lyrisches Ich als männlich markiert wäre, lässt Spielraum für homoerotische Spekulationen.

Mitten im Krieg schrieb sie ein feministisches Manifest

Ein unbeschwertes Leben war ihr jedoch nicht vergönnt. Die Tochter des Greifswalder Bürgermeisters wurde mit ihrer Familie von Wallensteins Truppen aus ihrer Geburtsstadt vertrieben, und von den Schweden später auch vom Landsitz Fretow. Ihre Mutter verlor sie an die Pest. Sie hatte also regelmässig Anlass, Klage- und Totenlieder zu verfassen. Die Dichtung war ihr, neben der Freundschaft und dem Glauben, offensichtlich eine existenzielle Stütze im Angesicht einer brutalen und zerbrechlichen Welt. Noch auf dem eigenen Sterbebett schleuderte sie der Eitelkeit der Welt ein markiges Gedicht entgegen: «Pfui, pfui dich an du schnöde Welt, / du trübe Jammer-Schule, / du Störefried, du Kummerfeld, / du rechter Satans-Buhle!» Sie sprach als 17-jährige Dichterin, die ihr Lebenswerk bereits hervorgebracht hatte.

Dank zwei dieser Tage erscheinenden Ausgaben ist nun pünktlich zu Schwarz’ 400. Geburtstag der Weg frei, dass sie wieder gelesen und gewürdigt werden kann. Der Auswahlband im Secession Verlag hebt mit dem literarisch-feministischen Manifest «Ein Gesang wider den Neid» an.

«Vermeinstu, dass nicht recht getroffen, / Dass auch dem weiblichen Geschlecht / Der Pindus allzeit frei steht offen»,

fragt Schwarz streitlustig. Nicht nur die neun Musen, sondern auch Gewährsfrauen wie Sappho und Cleobulina belegen die Gleichwertigkeit der Dichterinnen. Sich selbst sah Schwarz keineswegs zuoberst auf dem Musenhügel stehen, sondern sie zollte ihrem grossen Vorbild Martin Opitz Tribut – «dem das Lob gebühret, / Dass Teutschland, seiner Sprachen Pracht / Und edlen Leier halben führet, / Weil er den Anfang hat gemacht». Der Zürcher Verlag hat sich auf eine einbändige Werkauswahl beschränkt. Hier sind die Gedichte nach Themen geordnet, und die Rechtschreibung und Typographie heutigen Gepflogenheiten angepasst.

Zum Jubiläum bringen gleich zwei Verlage Schwarz neu heraus

Der Leipziger Verlag Reineke & Voß widmet Schwarz eine kritische Ausgabe, welche sämtliche Texte und Textfragmente nach allen Regeln der editionsphilologischen Kunst präsentiert und annotiert. Die Orthografie folgt der Erstausgabe, was in Zeiten eintauchen lässt, in denen die Sprache noch nicht standardisiert war. «Was gilt eß / Jungfraw Braut? Was gilt eß nuhn? Jch wette / Daß ewer Herze spricht: Oh lasset uns ins Bette.» Was auf den ersten Blick befremdet, wird auf den zweiten Blick meist verständlich. Und sonst hilft der Herausgeber mit knappen Erläuterungen nach und ein Glossar erklärt Namen und Anspielungen. Nach dem nun vorliegenden ersten Band mit Sonetten, lyrischen Stücken, Kirchenliedern, einem Odenfragment und der bukolischen «Fretow»-Dichtung soll demnächst der zweite Band mit heroischen Gedichten, erzählenden Dichtungen und dem Drama «Susanna» erscheinen.

Aktuelle Titel zu Sibylla Schwarz
- «Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe, Band 1», Hg. Michael Gratz, Reinecke & Voß, 192 Seiten.
- «Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden. Werkauswahl», Hg. Gudrun Weiland, Secession, 240 Seiten.