Fröhlicher Rausch
Besoffene Schweine und heitere Elche: Saufen hat auch bei Tieren Tradition

Sich vorsätzlich besaufen oder auf andere Weise berauschen – das wird gemeinhin nur dem Menschen zugetraut. Den Tieren, so denkt man sich, passiert so etwas allenfalls aus Versehen. Doch aktuelle Ereignisse und Forschungen lassen Zweifel daran aufkommen.

Jörg Zittlau
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Dieser Säufer aus dem Tierreich hat sich offenkundlich verirrt. Nach dem Ausnüchtern gehts dann zurück in den Wald.

Dieser Säufer aus dem Tierreich hat sich offenkundlich verirrt. Nach dem Ausnüchtern gehts dann zurück in den Wald.

Keystone

So wird Schweden jeden Herbst aufs Neue von randalierenden Elchen heimgesucht. Der Grund: Die Tiere stopfen sich mit reifen Äpfeln voll, die dann in ihren Wiederkäuermägen nachgären und dabei reichlich Alkohol freisetzen. Und wie man das ja auch vom Menschen kennt: Die betrunkenen Tiere schieben Hunger und brechen in Altersheime und Krankenhäuser ein, weil sie erkannt haben, dass es dort regelmässige Mahlzeiten gibt. Ähnlich rüde gehen auch die slowakischen Braunbären zu Werke. Um für ihren Winterschlaf gerüstet zu sein, fressen sie vergorenes Fallobst, bis der Alkohol ihre Menschenscheu ausschaltet und die Tiere zu Autoknackern und Mülltonnenplünderern werden lässt.

Viel Energie – und viel Spass

Für Robert Dudley von der University of California sind das klare Fälle von willentlicher Quartalssauferei. Ursprünglich möge ja das tierische Interesse für reifes Obst dadurch begründet gewesen sein, «dass es einen absolut hohen Energiewert erreicht hat». Doch wenn sich dann bei diesem Verzehr immer wieder ein wohliger Rausch einstellt, könne sich dieser zum Hauptzweck dieser Aktion emporkonditionieren. Tierische Säuferkarrieren beginnen also wohl mit einem Versehen, doch später, so Dudleys Resümee, «kommt der Vorsatz hinzu».

Hierzulande hört man im Sommer mitunter das Schnarchen von Dachsen, die im Gebüsch oder auch auf dem warmen Strassenasphalt ihren Rausch ausschlafen. Der Grund: Die pelzigen Allesfresser können einfach nicht davon lassen, sich an überreifen Kirschen zu bedienen. Genauso, wie Schweine vor Freude quieken, wenn man ihnen den Trog mit Joghurt, Milch und Obstsaft füllt: Sie legen sich dann mit gestreckten Beinen in die Suhle und brauchen zwei bis drei Tage, bis sie wieder nüchtern sind.

Für den willentlich herbeigeführten Rausch unter Tieren spricht auch, dass ihnen – ähnlich wie bei Menschenkindern – der Alkohol eigentlich gar nicht schmeckt. Weswegen der Karlsruher Biologe Mario Ludwig betont, dass es so etwas wie den massvollen Genusstrinker im Tierreich nicht gibt: «Hier hat der Drogengebrauch in der Regel auch den Rausch zum Ziel.» Wie etwa bei den englischen Igeln. Die Stachelträger pilgern zielstrebig zu den Bierfallen, die im Garten zum Kampf gegen die Schnecke aufgestellt werden – und trinken sie leer. Wenn dann in der Falle noch eine ertrunkene Schnecke ist, fühlt sich der Igel erst Recht im Paradies. «Denn die steht auf seiner Speiseliste ohnehin ganz oben», so Ludwig. «Eine mit Bier vollgesogene Schnecke ist für ihn wohl so etwas wie eine extra grosse Schnapspraline.»

Elefanten stibitzen sogar Bier

In den 1970ern zeigte der Disney-Film «Die lustige Welt der Tiere» dem Zuschauer gleich ein ganzes Panoptikum besoffener Fauna-Vertreter. Allerdings wird hier auch an der einen oder anderen Stelle ein wenig gemogelt. So wird einer Gruppe torkelnder Elefanten unterstellt, dass sie sich ihren Rausch mit gärendem Obst vom Marula-Baum erfressen hätten. Tatsächlich brauchte man jedoch, wie Steve Morris von der University of Bristol ausgerechnet hat, ungefähr 700 von den Früchten, um die tonnenschweren Dickhäuter auch nur anzusäuseln. «Solche Mengen können selbst Elefanten nicht fressen», so der englische Physiologe.

Was die hochintelligenten Rüsseltiere allerdings wirklich gerne machen: In Häuser einbrechen, um dort die Wein- und Biervorräte zu plündern. Ausserdem haben sie, wie Morris herausgefunden hat, auch fernab der menschlichen Zivilisation einen Weg zum Vollrausch gefunden. Sie fressen nämlich grosse Rindenstücke des bereits erwähnten Marula-Baums – und darin befinden sich oft Käferlarven, die ein als Nervengift wirkendes Alkaloid enthalten. Die Insekten wollen damit ihre Fressfeinde abschrecken. Doch der Elefant nutzt es, um sich sein schwergewichtiges Leben vorübergehend ein bisschen leichter zu machen.