Kunsthalle Basel
Michael Armitage zeigt Basel die Schattenseite der Farben

Mit seiner Ausstellung in der Kunsthalle Basel beweist Michael Armitage ein Flair für üppige Szenerien und rätselhafte Seelenlandschaften.

Michael Gasser
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Michael Armitage in der Kunsthalle Basel.

Michael Armitage in der Kunsthalle Basel.

zvg / Philipp Hänger

Wer die Ausstellung «You, Who Are Still Alive» mit Werken von Michael
Armitage (*1984) besucht, wird in der Kunsthalle Basel zunächst auf eine
falsche Fährte gelockt: «Head of Koitalel», ein eher kleinformatiges
Bild im ersten Raum, nimmt Bezug auf ein düsteres Kapitel der britischen
Kolonialgeschichte.

1905 gibt das Königreich vor, sich nach anhaltenden Auseinandersetzungen mit dem kenianischen Volk der Nandi zu arrangieren. Doch bei den vermeintlichen Friedensverhandlungen bringt man kurzerhand dessen Anführer Koitalel Arap Samoei um – was vermuten lassen könnte, dass sich Armitage vorwiegend mit postkolonialer Geschichte auseinandersetzt. Doch weit gefehlt.

Stattdessen entwirft der Künstler mit britisch-kenianischen Wurzeln
grossformatige Bilder, die zwischen ostafrikanischen und europäischen
Perspektiven und Genres wechseln. Dabei sticht insbesondere sein
Flair für üppige Farben und Szenerien hervor. Statt mit Leinwänden arbeitet Armitage mit Lubugo – einem tuchähnlichen Material, das aus der Rinde von Feigenbäumen gewonnen wird.

Samtig anmutende Üppigkeit

«Es hat ein paar Jahre in Anspruch genommen, bis ich mit der nicht ganz ebenen Oberfläche richtig umgehen konnte», räumt der Maler beim Rundgang durch die Ausstellung ein. Inzwischen habe er das Material, das von lederner Qualität sei, jedoch nicht bloss gemeistert, sondern sich zu eigen gemacht, wie etwa sein Werk «Personal Thought Asshole» zeigt: Hier wird ein Loch im Material kurzerhand zu einem rosafarbenen Anus. Auf anderen Werken lassen sich derweil sichtbar vernähte Bruchstellen entdecken, die an Vernarbungen und nicht zuletzt die Conditio humana erinnern.

Elena Filipovic, Leiterin und Kuratorin der Kunsthalle Basel, bezeichnet «You, Who Are Still Alive» als «aussergewöhnliche Ausstellung». Zugleich handelt es sich dabei auch um Armitages bislang grösste Einzelshow. «Beachten Sie die samtig anmutende Üppigkeit, die eigenartigen Atmosphären und die vielen, gelegentlich widersprüchlichen Perspektiven», sagt Filipovic über die präsentierten Werke, die samt und sonders in den vergangenen drei Jahren entstanden sind – teils in Hinblick auf diese Ausstellung.

«Cave» von Michael Armitage (2021).

«Cave» von Michael Armitage (2021).

zvg

Der in Nairobi geborene Armitage, der seine Kunstausbildung in London
absolviert hat, fordert mit seinen Bildern gerne heraus. Es ist vielleicht nicht sein erklärtes Ziel, aber durchaus ein gewollter Nebeneffekt, dass sich seine Kunst meist erfolgreich der endgültigen Entschlüsselung entzieht.

Gleichwohl lässt er durchblicken, dass seine beiden 2022 entstandenen Werke «The Perfect Nine» und «Warigia» an die Gründungsmythen seiner kenianischen Vorfahren anknüpfen. Derweil wirkt «Mother’s Milk», das sich im nächsten Raum befindet, geradezu verstörend – zu sehen ist eine eingepferchte und festgezurrte Frau mit
herabhängende Brüsten, an denen sich Ferkel mit menschlicher Muttermilch vollsaugen.

Das Schreien der Kälber

Womit Armitage, der auf einer Farm aufgewachsen ist, deutliche Kritik an
den «brutalen» Produktionsmethoden für Kuhmilch übt. «Heute noch höre ich in meinem Kopf die Schreie von Kälbern, die von ihren Müttern
getrennt wurden», so Armitage. Auf die Frage nach seinen künstlerischen Vorbildern nennt er nebst Goya, Gauguin und Sigmar Pohlke auch
afrikanische Künstler wie Iba N’Diaye oder Peter Mulindwa. «Das Schöne ist, dass ich mich bei ihnen allen und noch vielen weiteren bedienen
kann», erklärt Armitage nicht ohne Selbstironie.

Folgerichtig überrascht es nicht, dass in seinen Bilder auch immer
wieder Humor aufblitzt. So lässt Armitage mal den Coca-Cola-Bogen
einfliessen, mal einen transparenten Affen Gedankenblasen denken oder
einen Zauberer mit Gitarre auftauchen. Letzter lässt sich überdies als
Hinweis verstehen, dass sich im Schaffen des Künstlers nicht nur Platz
für schier surreale und überwältigende Landschaften, sondern auch für
ein paar Quäntchen Magie findet.

Was keineswegs darüber hinwegtäuschen soll, dass der Maler in erster Linie darauf aus ist, zur und über die Gegenwart zu arbeiten: In seinen Gemälden machen sich denn auch oftmals menschliche Schwächen bemerkbar und bisweilen sogar ein Gefühl drohender Gewalt. Entsprechend ist es kein Zufall, dass namentlich jene Werke von Michael Armitage im Kopf hängen bleiben, welche den nahenden Tod, einen veritablen Rausch oder die Enge einer Arrestzelle spüren lassen. Denn die gezeigte gewaltige Bilderwelt macht vor allem eins klar: Selbst da, wo sich das Leben prallvoll und farbenfroh gibt, ist die Kehrseite nie weit.

Michael Armitage: «You, Who Are Still Alive», bis 4. September,
Kunsthalle Basel.
www.kunsthallebasel.ch