Glosse
Schiblis Kopfsalat: Altpapier de luxe

Alte Bücher sind Kulturgüter, zweifelsfrei. Doch wohin damit, wenn man für sie keine Verwendung mehr hat?

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Durch glückliche Umstände bin ich vor Jahren in den Besitz einiger alter Bücher gekommen. Wirklich alter Bücher aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert, eines sogar noch älter. Meine Eltern glaubten, ich könne mit «De rebus gestis Alexandri Magni», gedruckt in Amsterdam 1686, oder mit zwei Bänden «Poésies» von Laurent-Pierre Bérenger (Paris 1785) etwas anfangen. Lassen wir offen, ob das nur eine jener Illusionen war, denen Eltern bezüglich ihrer Kinder manchmal erliegen.

Tatsache ist, dass ich jetzt selber vor der Frage stehe: Wohin mit dem alten Zeug? Meine Angehörigen schätzen so was eher nicht, und als Leser ziehe ich ein sauberes Taschenbuch einem alten Schmöker mit Stockflecken und Rand­notizen vor. Jeder halbwegs kulturaffine Zeitgenosse wird jetzt sagen: So alte Bücher sind wertvolle Kulturgüter, für die gibt es immer Abnehmer!

Händlerpreise und bescheidene Preisvorstellungen

Ich informierte mich also im Internet und stiess auf das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB). Dort fanden sich fast alle meiner Bücher mitsamt Preisangaben. Wenn ich die Händlerpreise unter­biete, dachte ich mir, werde ich die antiquarische Last leicht los. Meine Freude darüber währte nicht lang: Die ZVAB-Website belehrte mich, dass ich als Verkäufer nur in Frage komme, wenn ich einen Händlernachweis habe. Und genau der fehlt mir.

Die nächste Adresse, bei der ich mich über das kostbare Altpapier informieren wollte, war ein erfahrener Basler Antiquar. Ich schickte ihm eine Liste mitsamt Abbildungen der Titelseiten und rechnete damit, dass er mir einen guten Tipp geben würde. Ich hatte nur bescheidene Preisvorstellungen, denn es ging mir einfach darum, die Bücher an einem guten Ort unterzubringen.

Sigfried Schibli

Sigfried Schibli

Nicole Nars-Zimmer

Allerdings hatte mich der Antiquar schon am Telefon gewarnt, dass der Markt für antiquarische Bücher total darniederliege. Nachdem er meine Liste und die Abbildungen gesehen hatte, schrieb er mir lakonisch, der Zustand der Bücher sei überwiegend «nicht berauschend». «Ich denke, es wird ein sehr müh­seliges und wenig einträg­liches Geschäft werden, diese Bücher an einen guten Platz bringen zu wollen.»

Gebrauchte Kinderwagen und Orientteppiche

Nun gehört es zu den Segnungen unseres digitalen Zeitalters, dass man sich leicht auf einem Internetportal ein­loggen kann, um etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Ich versuchte es mit Ebay, einer Plattform, auf welcher man Waren aller Art feilbieten kann. Neben gebrauchten Kinderwagen und Orientteppichen auch Bücher. Allerdings musste ich, um meine Druck-Erzeugnisse dort anbieten zu können, eine Firma gründen und ein Paypal-Konto eröffnen. Was beides mit ein paar Klicks gelang.

Jetzt stehe ich bei Ebay und Paypal unter Vertrag und warte auf Büchernarren, die zum Beispiel den Supplementband der «Vollständigen Beschreibung des Schweizerlandes oder geographisch-statistisches Hand-Lexikon» von Martin Lutz (1835) erwerben wollen. Und wenn sich keiner meldet: Die nächste Altpapiersammlung kommt bestimmt.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

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