Kultur

Bachmann-Preisträgerin schreibt Schelmenroman: Arthur findet auf krummer Tour zurück ins Leben

Birgit Birnbacher an den Bachmann-Tagen 2019 in Klagenfurt.

Birgit Birnbacher an den Bachmann-Tagen 2019 in Klagenfurt.

Die österreichische Schriftstellerin Birgit Birnbacher hat 2019 den Bachmannpreis gewonnen. In ihrem neuen Roman hilft sie dem Ex-Häftling Arthur mit merkwürdigen Bekanntschaften und einer grossen Portion Lakonie.

Es dauert lange, bis Birgit Birnbacher ihren Lesern in «Ich an meiner Seite» verrät, welche Taten Arthur 26 Monate ins Gefängnis gebracht haben. Nun aber haben seine Therapeuten eine klare Vorstellung davon, wie Arthur nach seiner Haftentlassung Schwierigkeiten vermeiden kann. Er muss, so sagen sie ihm, eine Optimalfigur entwickeln, in die er immer dann schlüpfen kann, wenn es wieder brenzlig wird.

Arthur ist offen für Vorschläge, und er folgt seinen Therapeuten willig. Zu deutlich hat den 23-Jährigen das Leben gelehrt, dass der eigene Weg in die Irre führt. Ausgehend von einer Szene in der Universität in der Jetztzeit, deren Bedeutung sich erst im Nachhinein erschliesst, beschreibt Birnbacher in Rückblenden den Lebensweg ihres Antihelden Arthur. Seine Jugend in der österreichischen Provinz, die alleinerziehende Mutter Marianne, die sich neu verliebt und sich mit ihrem neuen Partner einen Lebenstraum verwirklicht: In Andalusien bauen sie eine Palliativmedizin für vermögende Österreicher, die beim Sterben das Meer und die Sonne sehen wollen. Im Lebenstraum der Mutter ist kein Platz für Arthur, und Bruder Klaus schliesst sich im Zimmer ein, sodass Arthur die wüstenartige Landschaft auf eigene Faust durchstreifen muss. Dabei lernt er die melodramatische Ex-Schauspielerin Graziella kennen, die einfach nicht sterben will und die ihm eine bessere Mutter sein kann. Sie wird es sein, die Jahre später vor dem Gefängnis steht, um ihn abzuholen. Sie wird allein dort stehen.

Ihre Figuren sind zwar merkwürdig, aber glaubhaft

Arthur ist ein liebenswürdiger, aber schwacher Charakter. Und so ist er nicht unschuldig, als eine geliebte Freundin bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Er ist auch nicht unschuldig, als er kurz danach mit zu viel Stolz, zu wenig Geld und leerem Magen in einer Wiener Dachwohnung sitzt und den falschen Ausweg aus der Misere wählt. Auch sein Therapeut, der «Börd» genannte Konstantin Vogel, steuert sich mit unkonventionellen Methoden und zu viel Alkohol wissentlich ins Aus. Bei Arthur immerhin wird seine Therapie anschlagen. Wenn auch anders, als von diesem Börd beabsichtigt.

Merkwürdige Charaktere bevölkern Birnbachers Buch. Dabei verfügt die 35-jährige Autorin, die im letzten Jahr mit der Erzählung «Der Schrank» den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, über ein doppeltes Können: Zum einen sind ihre Charaktere zwar merkwürdig, aber absolut glaubhaft. Zum anderen hält sie eine spöttisch-herzliche lakonische Sprache durch alle Widernisse hindurch bei. Beides zusammen gibt dem Geschehen trotz aller Schwere Humor und eine gewisse Leichtigkeit. Und Arthurs Geschichte einen gesunden, aber nicht blinden optimistischen Grundton – auch wenn ihm der versprochene Neustart verweigert wird.

Wer nimmt schon einen wie Arthur unter Vertrag, und sei es nur für ein Praktikum? Einen 23-Jährigen, der keine Zeugnisse und Qualifikationen vorweisen kann, dafür aber einen riesigen Fehler im Lebenslauf? Birnbacher gönnt Arthur trotz aller Tragik ein wenigstens offenes Ende. Eines, das Arthur nicht automatisch zurück ins Leben katapultiert. Aber eines doch, das ihn seine Möglichkeiten und Wünsche ein wenig klarer sehen lässt.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite. Roman, Zsolnay, 272 Seiten.

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