Kultur
«Auswahl 20» im Aargauer Kunsthaus: Der Student Jodok Wehrli präsentiert ein Gedicht aus Bild und Text

Am Samstag öffnet die «Auswahl 20» im Aargauer Kunsthaus. Gast ist Jodok Wehrli. Der Künstler ist noch Student – die Einladung als Gast der Jahresausstellung also eine grosse Herausforderung. Er präsentiert ein Gedicht aus Bild und Text. Ein Porträt.

Sabine Altorfer
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Jodok Wehrli, 26, am Einrichten. Er ist in Schneisingen aufgewachsen und studiert nun in Basel.

Jodok Wehrli, 26, am Einrichten. Er ist in Schneisingen aufgewachsen und studiert nun in Basel.

Alex Spichale (Aarau, 4. November 2020

Kabelsalat und Beamerchaos, Festplatten und Künstler, Techniker am Boden.Noch passt nichts. Jodok Wehrli sagt: «Sorry, ich muss dringend noch ein Telefon machen wegen technischer Probleme.»

An der Technik will er nicht scheitern, nachdem er ein Jahr an seinem Ausstellungsprojekt getüftelt und herumgedacht, geschnitten und getextet hat. An diesem «Pretty Shitty Poem». Denn der Auftritt als Gast an der «Auswahl 20» im Aargauer Kunsthaus ist wichtig – er ist ein Schaufenster. Besonders für einen jungen Künstler wie Jodok Wehrli, der erst seit einem Jahr seinen Bachelor in der Tasche hat und nun am Anfang des Masterstudiums in Basel steckt.

Als ihn die Jury letztes Jahr – «ich habe fast verpasst einzugeben» – zum Gast gekürt hat, überraschte ihn das selbst. Überzeugt hat er das Gremium 2019 mit einer Videoarbeit über die Ästhetik von Werbungen. «Drei Bildschirme, die zusammen ein Bild ergaben», fasst er zusammen. Überschaubar also.

Die Chance zu klotzen

«Es hat mich gereizt, nun einen ganzen Raum zu füllen, zu klotzen.» Aber es sei auch ein Druck, es gut zu machen, erklärt er. Nein, finanzielle Unterstützung gebe es dafür nicht und beim Kuratorium um einen Beitrag anzufragen, schicke sich offenbar nicht. «Aber das ist in Ordnung», fügt er an. Er sieht vor allem die Chance. Im Kunstbetrieb wird ihm auch künftig nichts geschenkt.

Wenn die Technik klappt, soll sein Raum im Untergeschoss des Kunsthauses nicht nur gefüllt, sondern erfüllt werden. Von seinem «Pretty Shitty Poem». Fünf Beamer werden Bilder so projizieren, dass ein gesamtes Ganzes entsteht. Eine Kostprobe konnten wir sehen: Wunderbare Wälder, Meereswellen, prächtige Bäume und solche, die von einem Hurrikan geschüttelt werden.

Die Einfalt in der Vielfalt

Irritierend nur, dass in allen das Wasserzeichen «Shutter- stock» sichtbar blieb, der Name der grossen, globalen Bildagentur, die so ihre Produkte vor Piraterie schützt. «Ich benutze diese Agenturbilder, weil sie mit Klischees arbeiten. In ihrem Archiv gibt es für ein Motiv sicher 20 Aufnahmen, aber alle wirken gleich. Vereinfacht, standardisiert.» Diese Einfalt in der Vielfalt will er zeigen. «Die Naturdarstellungen oder die Bilder zu aktuellen Themen sind wie Generika», sagt er. Und meint damit, dass sie die Wirklichkeit nur nachahmen. «Vieles ist künstlich generiert, ja animiert.»

Was bezweckt Jodok Wehrli, wenn er diese ausgelutschten, Klischee-Bildern wieder benutzt? «Durch die Ballung und die Vervielfachung des gleichen Motivs können sie die Betrachter anregen, Stereotype zu hinterfragen», sagt er. «Im Sinnentleerten findet man dadurch Sinnhaftes.»

Hilft da der Text? «Nur bedingt», erklärt Wehrli. Der Text sei nicht eine Erklärung zu den Bildern. «Es wird viel angedeutet, leitet manchmal einen Bilderwechsel ein, und neben Sinnvollem ist auch viel Nichtssagendes zu hören», erklärt er,

Kein romantisches Gedicht

Der Titel «A Pretty Shitty Poem» meine übrigens nicht ein romantisches oder sich reimendes Gedicht, sondern betone das Bruchstückhafte. «Man soll es nicht allzu ernst nehmen, es ist ja auch shitty». Als Sprecher hören wir eine computergenerierte Stimme. «Auch im Internet stibitzt», gesteht er.

Nun nimmt Wehrli ja nicht irgendwelche Sujets auf, sondern schneidet vor allem Naturdarstellungen zusammen: prächtige Weizenfelder, erhaben grüne Waldlandschaften. Oder aber Symbole für Technik und Wirtschaft: Ein Flugzeug donnert über Wolkenkratzer und ein Containerfrachter fährt über ein stahlblaues Meer.

Gesellschaftliche Relevanz «ist mega wichtig»

Da klingen Themen an wie Klimawandel, genmanipulierte Lebensmittel, globaler Handel, Reisewahn. «Gesellschaftliche Relevanz, politische Themen sind mega wichtig für mich», sagt Wehrli. Schon in den Arbeiten vor der dem Kunststudium, in seinen Comics und Graffiti, habe ihn das beschäftigt.

Nach seiner Biografie gefragt, macht er es kurz. Aufgewachsen sei er in Schneisingen – «wissen Sie wo das ist?» –, er sei 26 und studiere in Basel an der Fachhochschule. Ziel ist der Master of Fine Arts. Die Schule gefällt ihm, vor allem schätzt er, «dass wir alles mögliche Material und viel Technik zur Verfügung haben und einander helfen». Eben habe er fünf Beamer reserviert, mit denen die Mehrfachprojektion möglich werde.

Kunstunternehmer oder einsamer Schaffer

Wie sieht er seine Zukunft? Er könnte als Medienkünstler ein Studio aufbauen, wie etwa Julian Charrière, dessen Arbeiten aktuell ebenfalls im Aargauer Kunsthaus zu sehen sind. Einen Betrieb mit Helfern, Assistenten. «Eher nicht», sagt Jodok Wehrli. «Ich habe den Ehrgeiz, möglichst alles selber zu machen, auch wenn ich froh bin, dass ich Leute kenne, die helfen können. Sich vermarkten, Büroarbeit und so weiter, gehört für mich auch zum Künstlersein.»

An das Bild des Künstlers als ein einsames Genie glaubt er nicht, aber andrerseits möchte er nicht Chef eines Kunstunternehmens werden. Was dann? «Einfach Künstler, ohne ideologische Scheuklappen. Wie und wo? Das ist noch offen.»

Die Auswahl 20 in Coronazeiten

Die Vernissage der Auswahl ist jeweils Treffpunkt für den ganzen Kunst-Aargau. Nicht so im Corona-Jahr: Ab 14. November ist die Auswahl 20 im Aargauer Kunsthaus offen, ohne Fest, ohne Ansprachen (bis zum 24. Januar). 50 Positionen haben die beiden Jurys zugelassen, jene des Kuratoriums spricht zudem Werkbeiträge. Zu gewinnen gibt es auch den Förderpreis der CS (bisher NAB). Weiterhin offen ist die Schau von Julian Charrière, die Sammlung pausiert im Depot. (sa)