Kino
«Aus dem Nichts»: Im Alleingang gegen Neo-Nazis

Mit «Aus dem Nichts» verarbeitet Regisseur Fatih Akin Deutschlands NSU-Skandal zu einem kontroversen Rachethriller.

Lory Roebuck
Merken
Drucken
Teilen
Diane Kruger überzeugt im Film «Aus dem Nichts» in ihrer ersten deutschen Hauptrolle als Witwe eines Anschlags-Opfers.

Diane Kruger überzeugt im Film «Aus dem Nichts» in ihrer ersten deutschen Hauptrolle als Witwe eines Anschlags-Opfers.

Warner Brothers/Gordon Timpen

Der Schrei, den wir zu Beginn des Films hören, fährt durch Mark und Bein. Eben noch hatte Katja (gespielt von Diane Kruger) ihren fünfjährigen Sohn Rocco beim Büro ihres kurdischen Ehemanns Nuri (Numan Acar) vorbeigebracht. Doch als sie die beiden abends wieder abholen will, ist die Zufahrt durch die Polizei abgesperrt. Eine Nagelbombe ist vor dem Büroeingang detoniert. Es gab Todesopfer, ein Mann und ein Kind. Nuri und Rocco.

Für die Anfangssequenz seines neuen Spielfilms «Aus dem Nichts» hat der deutsche Filmregisseur Fatih Akin einen echten Sprengstoffanschlag nachgestellt, der 2004 in einem türkischen Viertel in Köln verübt wurde.

Der eigentliche Skandal damals, sagt Akin im Interview mit der «Nordwestschweiz», sei gewesen, dass die Polizei jahrelang von einem Racheakt im Drogenmilieu oder einer Auseinandersetzung zwischen Türken und Kurden ausging (Stichwort: Dönermorde), Fremdenhass als Motiv dagegen ausschloss. «Wegen ihrer Herkunft wurden die Opfer zu Tätern gemacht», sagt der 44-jährige Filmemacher mit türkischen Wurzeln.

Persönliche Ängste verarbeitet

Auch der Kommissar im Film sucht in diese Richtung. «Hatte Ihr Ehemann Feinde? Hat er mit Drogen gedealt? War er religiös?» Katja verneint. Und erzählt, wie sie am Nachmittag eine blonde junge Frau dabei beobachtete, wie diese direkt vor Nuris Büro ein Fahrrad mit einem grossen Gepäckträger abstellte und dann weglief. Für Katja ist klar: Den Anschlag haben Rechtsextreme verübt.

Der reale Sprengstoffanschlag von 2004 und eine Reihe weitere wurden erst 2011 der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet. «Als klar wurde, dass Neo-Nazis hinter den Anschlägen steckten, spürte ich in mir einen Reflex», erinnert sich Akin, «wie wenn dich jemand schlägt und du automatisch die Hände hochwirfst – oder zurückschlägst.» Akin wollte zurückschlagen. Also sass er hin und schrieb «Aus dem Nichts«, einen Film, mit dem er ein Stück weit auch seine persönlichen Ängste verarbeiten wollte. Denn: «Solche Anschläge hätten auch mich oder meine Familie treffen können.»

Während seiner Recherche besuchte er drei Mal den NSU-Prozess in München, der 2013 begann und immer noch am Laufen ist (ein Urteil wird erst 2018 erwartet). «Ich war überrascht, wie emotionslos so ein Prozess abläuft», erzählt Akin. «Da wurde ewig darüber debattiert, wer wo zu sitzen hat, das war ein reines Geschacher.» Diese Gefühlskälte, diese Versessenheit auf gerichtliche Formalitäten liess Akin dann direkt in seinen Film einfliessen.

Der Mittelteil von «Aus dem Nichts» spielt fast vollumfänglich im Gerichtssaal. «Emotionen haben vor Gericht nichts verloren, so ist das nun mal. Aber ich bestreite, dass für die Hinterbliebenen am Schluss so etwas wie ein Gerechtigkeitsgefühl, eine emotionale Genugtuung entsteht.»

Also hat sich Fatih Akin für «Aus dem Nichts» einen Schlussteil ausgedacht, den wohl nicht alle Zuschauer goutieren werden: Katja fasst den Entschluss, sich persönlich an die Tätern zu rächen, und stellt ihnen nach. Selbstjustiz? Ein heikles Thema. Akin winkt ab: «Mein Film will keine Antworten liefern, sondern Diskussionen anregen.»

Das hat er. Wer im Netz beispielsweise den Trailer lädt, findet darunter zahlreiche Kommentare, die den Film als «Anti-Weisse Propaganda» und Hauptdarstellerin Diane Kürger als «Rassen-Verräterin» bezeichnen. «Gedankenmüll», entgegnet Akin und lacht.

Er weiss aber genau, was denjenigen, die solche Kommentare absondern, ein Dorn im Auge ist: Dass ausgerechnet eine blonde, blauäugige Frau sich für den Mord an Muslimen rächen will. Das sei ein bewusster Entscheid gewesen, sagt der Filmemacher. «Ich wollte das Motiv der Selbstjustiz nicht an einer Migrantin aufhängen. Ein heissblütiger Zigeunermesserstecher? Damit würde ich bloss Klischees streuen.»

Kruger ist eine Offenbarung

«Aus dem Nichts» unterwandert solche Klischees. Und holt aus Diane Krüger eine schauspielerische Leistung heraus, die einer Offenbarung gleichkommt. Bekannt wurde die 41-jährige Deutsche, die zuvor noch nie eine deutschsprachige Hauptrolle gespielt hat, als Schönheit in Hollywoodfilmen wie «Troy» und «National Treasure». In «Aus dem Nichts» beweist sie nun, dass sie weitaus mehr drauf hat.

Das wusste er schon vorher, versichert Fatih Akin. «Aber klar: Mein Film bietet natürlich alles, womit sich ein Schauspieler beweisen kann: ein kaputte Figur, Drogenabstürze, Nervenzusammenbrüche.» Diane Kruger wurde an den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit dem begehrten Darstellerpreis ausgezeichnet. Ihre schauspielerische Tour-de-Force hat das verdient.

Aus dem Nichts (D/F 2017) 106 Min. Regie: Fatih Akin. Ab heute Donnerstag im Kino.