Alle Liedtexte: Karl Marx, «Das Kapital», Band 1. Kurz und bündig steht es so im Programmheft der Roten Fabrik in Zürich. Ein Heft, das zugleich das gesamte Libretto der Produktion «Karl Marx. Das Kapital als Musical» beinhaltet. Der Titel ist bereits Konzept. Denn wie soll das gehen? Das Musical ist die Form der Herzschmerz-Story, die kleine, duchkommerzialisierte Stiefschwester der Oper. «Das Kapital» ist die wirkungsmächtigste Wirtschaftsanalyse unseres Zeitalters, ein 2000-seitiger zäher Brocken.

Die Idee, die Bibel des Kommunismus in Songs zu verwandeln, stammt von einem, der die Sowjetunion noch von innen kennt. Der Musiker und Komponist Ilja Komarov. Nach dem Nationalmythos «Tell» haben sich die Dramaturgin Trixa Arnold und er mit ihrem Verein Freies Musiktheater Zürich den Ökonomen Marx vorgeknöpft. Komarov verbindet eine jahrelange Zusammenarbeit mit Michel Schröder, seines Zeichens Regisseur der Gruppe kraut_produktion und Co-Leiter des Theaters in der Roten Fabrik. Alle drei stehen beim «Kapital» auch auf der Bühne. Komarov als Gitarrist, Arnold als DJ und Schröder als Schauspieler. Mit ihnen sieben weitere Akteure.

Von der Arie bis zum Punk-Song

Wer die surrealistisch geschulten Trashperformer aus der Roten Fabrik kennt, hat sicher kein Musical à la «Ewigi Liebi» erwartet. Komarov ist ein flinker Grenzgänger zwischen den Genres. Leichtfüssig wechselt er von der Arie zum Moritat zur Grunge-Hymne zum Punksong – je nach Können der Sängerinnen und Sänger. Die sperrigen Texte von Marx bleiben eine Zumutung und werden auch als Songs nicht verständlicher. Eher mutieren sie zu dadaistischen Wortkaskaden.

Anders als im richtigen Musical wird keine Story erzählt. Die Collage aus Theorieschnipsel-Songs, Talk-Studio-Parodie und Einzelauftritten bietet vielmehr den Teppich für den Auftritt schrill-schillernder Figuren. Ihnen gemeinsam ist, dass sie eben keine flotten Theoretiker, sondern Kapitalismus-geschädigte Rand- und Künstlerexistenzen sind. Da ist die gescheiterte Pianistin, die eine Schnute zieht, weil sie hier gelandet ist. Der Tänzer, dessen Karriere Unfall-halber versandet ist. Die Putzfrau, die sich nach Gerechtigkeit sehnt, dies aber nicht mit Worten, sondern nur durch Schockperformances ausdrücken kann. Der Countertenor, der sich einen Hoden abzwackt, um endlich Erfolg zu haben. Die beiden shoppenden Frauen, die sich immer dorthin wenden, wo der Rubel rollt. Der bärtige Bauer, der dem Musical seine letzte Sau spendet und dann als Abbild des heruntergewirtschafteten Menschen über die Showbühne geistert.

Song für Song verheddern sich diese Überlebenden des Neoliberalismus in ihren Widersprüchen. Als Künstler sind sie Nutzniesser des Systems, denen alle Erkenntnis nichts nützt. Sie haben, um mit Marx zu sprechen, «nichts zu verkaufen als ihre eigene Haut».

Scheitern an der Komplexität

Ist das nun das angekündigte Musical, das uns den knochentrockenen Marx näher bringt und einen Abgesang auf den Kapitalismus feiert? Ersteres kaum, dafür bleibt dessen Kritik der politischen Ökonomie zu komplex. Ein Abgesang ist das Stück jedoch schon. Nämlich einer auf die Möglichkeit, unsere Lebensumstände zu durchschauen. Schröders Figuren scheitern an der Komplexität der Welt. Das macht sie so menschlich. Das macht ihren Witz aus.

Karl Marx. Das Kapital als Musical Bis 4. November. Rote Fabrik, Zürich. www.rotefabrik.ch