Coronavirus
Auch der Buchhandel leidet: Über ein Drittel weniger Umsatz

In normalen Jahren feiert man am 23. April den Tag des Buches. Dieses Jahr ist wegen des Lockdowns niemandem zum Feiern zumute. Daniel Waser, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes, fordert vom Bundesrat eine rasche Lockerung.

Interview: Hansruedi Kugler
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Derzeit kein Schmökern im Buchhandel möglich, die Branche hilft sich mit Velokurier und Abholdienst.

Derzeit kein Schmökern im Buchhandel möglich, die Branche hilft sich mit Velokurier und Abholdienst.

Keystone/Uwe Zucchi

Erst drei Monate im Amt, ist Daniel Waser durch den Lockdown schon mit einer extremen Situation konfrontiert. Der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes SBVV hat scharf auf die Lockdown-Lockerung für die Supermärkte reagiert. Denn die Buchhandlungen müssen bis 11. Mai geschlossen bleiben und versuchen, mit Onlineshops und Hauslieferungen Stammkunden zu behalten.

Daniel Waser

Daniel Waser

CH Media

Zur Person

Der Mittler zwischen Kultur und Verwaltung

Der 57-jährige Daniel Waser ist seit dem 1. Dezember 2019 Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands SBVV. Er arbeitete zunächst als Journalist bei der Berner Tageszeitung «Der Bund». Nach dem Jurastudium war er Gründer und Geschäftsführer des Kino- und Gastrobetriebs Cinématte AG in Bern, später Zentralsekretär des Journalistenverbands Impressum. Die letzten vierzehn Jahre war er Geschäftsführer der Zürcher Filmstiftung, die er im Auftrag der Stadt Zürich und des Vereins Zürich für den Film aufgebaut hat. (hak)

Wie viele Buchhandlungen verschwinden wegen der Coronakrise?

Daniel Waser: Hoffentlich möglichst wenige. Eine Prognose wäre aber derzeit reines Kaffeesatzlesen. Im Herbst wissen wir mehr. Entscheidend wird, wie der Ausstieg aus diesem Lockdown zu schaffen ist und ob die öffentliche Hand bereit ist, den Buchhandlungen durch die Krise zu helfen. Viele können keine hohen Kredite stemmen.

Nach 2019 mit einem Plus von 1,5 Prozent hatte die Schweizer Buchbranche nach Jahren des Schrumpfens aufgeatmet. Was prognostizieren Sie an Umsatz für dieses Jahr?

Wieder Kaffeesatzlesen. Wir haben die Marktdaten für den März. Da stellen wir einen Umsatzrückgang um 35 Prozent fest. Die Prognosen für April liegen bei rund 50 Prozent. Die Frage ist, wie das weitergeht und wie sich der Umsatz nach der Aufhebung des Lockdowns entwickelt. Erste Erfahrungen aus Österreich stimmen skeptisch. Die Leute kommen nur zögerlich in die Läden.

Untätig waren die Buchhandlungen ja nicht. Viele liefern Bücher sogar mit dem Velo aus.

Genau. Es hat sich gezeigt, dass viele sehr fantasievoll und flexibel reagieren, um ihre Stammkundschaft zu beliefern, mit Velokurieren, Abholfächern, telefonischen Beratungen. Das ist alles sehr wichtig für die Kundenbindung.

Der Lockdown wird für den Buchhandel erst am 11. Mai gelockert. Sie haben Protest deponiert.

Uns haben zwei Punkte geärgert. Wir gingen davon aus, dass die Buchhandlungen schon in der ersten Phase der Lockerung dabei sind. So wie das in Deutschland und Österreich der Fall ist. Aber offenbar hat Kultur bei uns einen anderen Stellenwert als in den umliegenden Ländern. Was aber überhaupt nicht geht, sind die ungleichen Spiesse. Schon beim Lockdown musste man kämpfen, dass die Supermärkte nicht das ganze Sortiment anbieten können. Die haben ihre Bücherecken in den letzten Jahren ausgebaut. Beim Exit mussten wir nun wieder kämpfen. Das war schon mühsam. Deshalb sind wir erleichtert, dass der Bundesrat gestern die Sortimentseinschränkung für Supermärkte aufrechterhalten hat.

Können die Buchhandlungen Abstandsregeln und Hygienevorschriften garantieren?

Da sehe ich gar kein Problem. Wir sind gerüstet. Bäckereien und Metzgereien haben das auch schon bewiesen. Mit Kundenstauzonen, einem Abgabedesk für bestellte Bücher vor dem Laden und separaten Beratungszonen im Laden haben Buchhandlungen in Deutschland diese Auflagen sehr gut umgesetzt.

Wie viele Buchhandlungen haben einen Überbrückungskredit vom Bund beantragt?

Gemäss aktueller Umfrage haben rund 40 Prozent der Mitglieder einen beantragt. Hauptgrund für einen Verzicht ist die Belastung durch Rückzahlungen.

Sie raten Ihren Mitgliedern, bei Vermietern um Mietreduktion anzufragen. Wie ist der Erfolg?

Private, kleinere Vermieter sind eher grosszügig, auch weil sie wissen, dass Konkurse Leerstände verursachen würden. Ausgerechnet die grossen sind unflexibel. Da fehlt es an Solidarität.

Raten Sie dazu, Neuerscheinungen auf den Herbst zu verschieben? Vernissagen und Lesungen zur Lancierung finden ja nicht statt.

Betriebswirtschaftliche Ratschläge geben wir unseren Mitgliedern weniger. Wir kämpfen für die Gesamtsituation der Verlage. Sie dürfen weitermachen, aber ihnen fehlen Absatzkanäle und die Promotion an Messen, Vernissagen, Lesereisen fällt aus. Kommt hinzu: Wer Bücher auf die Eishockey-WM hin gemacht hat, bleibt auf ihnen hocken. Deshalb schlugen wir vor, sie zum Beispiel mit einer temporären Erhöhung der Verlagsförderung zu unterstützen. Das wurde aber gerade abgelehnt.

Wie gross sind die Umsatzrückgänge der Schweizer Verlage?

Man muss davon ausgehen, dass der Umsatzrückgang mindestens so gross ist wie bei den Buchhandlungen.

Wird Amazon nun übermächtig?

Nein. Amazon hat in der Coronakrise den Buchversand eingestellt. Sie konzentrieren sich auf andere Produkte. Schweizer Verlage sind mit mehreren Absatzkanälen diversifiziert aufgestellt und stellen eine rasche Auslieferung sicher. Zudem verzeichnen Buchhandlungen in ihren Onlineshops im Schnitt eine Verdoppelung der Bestellungen.

E-Books stagnierten in der Schweiz lange bei zehn Prozent. Jetzt boomt dieses Geschäft. Eine bedrohliche Entwicklung für Buchhandlungen?

Nochmals Kaffeesatzlesen. Im März stellten wir eine Umsatzsteigerung bei E-Books um 50 Prozent fest. Sie machen nun 15 Prozent am Buchmarkt aus. Interessant ist, dass vor allem Schweizer Autorinnen und Autoren die Hitliste anführen. Ich glaube aber, dass die Schweizer Konsumenten nach der Krise wieder das Buch bevorzugen.