Digitale Medien

Auch das kann Virtual Reality: Eine Schweizer Firma macht ein Treffen mit Mona Lisa möglich

Ein Schweizer Studio macht aus Arnold Böcklins berühmtestem Sujet – die Toteninsel – einen dreidimensionalen Ort, den man besuchen kann. Und auch ein Treffen mit der mysteriösen Mona Lisa wird möglich.

Die halbrunde Felswand ragt aus dem unbewegten Gewässer. Ein Holzboot mit zwei Figuren schwebt zu einer Hafeneinfahrt. Die hintere Figur rudert, die vordere steht vor einem quer gelagerten, mit Blumen geschmückten Sarg und blickt, ganz in weisse Tücher gehüllt, zum einsamen Eiland und dem undurchdringlichen Dunkel der Zypressen, die in den dämmernden, sturmbewegten Himmel ragen.

Es ist das Mystische, das beim Betrachter den Wunsch weckt, diesem Eiland einmal entgegenzufahren, den Fuss auf die Insel zu setzen und zu sehen, was sich hinter den Zypressen und in den in Fels gehauen Räumen verbirgt. Mehr als 130 Jahre nach der Entstehung der fünften und letzten Fassung könnte dieser Wunsch in Erfüllung gehen: Ein vierköpfiges Team aus der Romandie übertrug Arnold Böcklins dritte Fassung aus dem Jahr 1883 in ein 3-D-Modell. Ab November soll man mithilfe einer Virtual-Reality-Brille (VR) in den gemalten Raum gehen und eine Reise zur Toteninsel antreten können.

Toteninsel

Böcklins «Toteninsel» gehört zu den bekanntesten Motiven der Malerei. Der in Basel geborene Künstler malte zwischen 1880 und 1886 fünf Fassungen, die sich in Komposition und Farbgebung leicht unterscheiden. Einige der Gemälde haben eine bewegte Geschichte: Die dritte Fassung war eine Zeit lang im Besitz von Hitler und kann heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin bewundert werden. Die vierte wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Von ihr existieren heute nur noch Schwarzweiss-Fotografien. Die zweite und die fünfte Fassung befinden sich in New York beziehungsweise Leipzig, und nur die erste hängt in der Schweiz, im Kunstmuseum Basel.

Gemälde digital restauriert

Die Gemälde haben schon unzählige Menschen in ihren Bann gezogen. Die Faszination verdankt sich neben der Anmut und Erhabenheit ihres Motivs wohl dem Umstand, dass sie ihre Bedeutung nicht preisgeben. Der Schweizer Kunsthistoriker Franz Zelger sieht in den Bildern ein Symbol für die Einsamkeit des Genies und glaubt, dass Böcklin seine eigene Entrückung ins Reich der Toten gemalt hat. In der Vorstellung des Künstlers sei sie zugleich Denkmal und Grabstätte des grossen Symbolisten.

Die dreidimensionale Szenerie wurde nun auf der Grundlage hochauflösender Scans der Originalwerke in mühevoller Kleinarbeit angefertigt. «Es ist ein bisschen, als würde man ein altes Gemälde digital restaurieren», sagt Martin Charrière. Der Projektleiter erklärt, dass jene Bereiche der Insel, die auf Böcklins Bild nicht zu sehen sind, von seinem Team ergänzt wurden. Dabei war darauf zu achten, dass sie mit der Gesamterscheinung harmonieren.

Charrière ist Mitgründer der «DNA Studios» und produziert mit seinen Kollegen vornehmlich Spiele und Animationsfilme. Die Entscheidung, ein erstes VR-Projekt anzugehen, sei letztes Jahr gefallen, als die ersten hochwertigen VR-Brillen auf den Markt kamen. Inspiriert von ähnlichen Versuchen, wollten sie das Werk eines Schweizer Malers in die virtuelle Realität übertragen.

RTS macht mit

Beim welschen Sender RTS stiessen sie damit auf offene Ohren. Das «Labo numérique», eine Abteilung des Senders, die mit Neuen Medien und Virtual Reality experimentiert, stieg als Partner in das Projekt ein. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit feierte im August auf dem Filmfestival von Locarno Premiere und soll im November der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Leonardo da Vincis berühmte Figur

Die Idee, klassische Kunstwerke der Malerei in die virtuelle Realität zu übertragen, ist nicht neu. Bislang wurden unter anderem Werke von Malern wie Bosch, Vermeer und Manet in die Dreidimensionalität übergeführt. Einige Umsetzungen halten sich sehr genau an ihre Vorlage, andere wiederum verstehen sich als freie Interpretation. In einer Hommage an Van Gogh kann man sich wie ein Gast in dessen «Nachtcafé» umtun und in einem Nebenraum sogar dem Künstler selbst begegnen. Oder man betritt Leonardo da Vincis «Mona Lisa» und sieht plötzlich die berühmte Dame höchstpersönlich vor sich sitzen.

Räumliche Bilder in Museen

Mittlerweile haben Auktionshäuser und Kunstmuseen die virtuelle Realität für sich entdeckt und nutzen die Technologie-Gemälde für Marketingzwecke. So liess Sotheby’s vor einer Auktion 3-D-Fassungen von feilgebotenen Kunstwerke anfertigen. Die Bieter konnten sie vor der Versteigerung virtuell betreten.

Besucher des Dalí-Museums in Florida können sich seit Anfang 2016 in eine der Traumwelten des Surrealisten hineinbegeben. «Wir wollen das Kunsterlebnis erweitern, sei es um traditionelle Mittel wie Texttafeln, Audiokommentare und Museumsführungen oder mit moderner Technologie wie Virtual-Reality-Erfahrungen», sagt die Sprecherin des Museums, Kathy Greif. All diese Elemente würden auf ihre Weise etwas zum Verständnis des Kunstwerks beitragen.

Entwertung der Originale?

Tristan Weddigen, Professor am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Zürich, hingegen sieht die Entwicklung kritisch und fürchtet, dass die Originale durch ihre Verwandlung in Raum-Erlebnisse eine Entwertung erfahren: «Die Gefahr besteht, dass das Originalwerk für sich allein als unzulänglich wahrgenommen werden könnte.» Letztlich müsse man sich fragen, worin der Mehrwert bestehe. Der Schweizer Kunstwissenschaftler Felix Thürlemann ist ebenfalls skeptisch und sieht eher eine «Spielerei», die der Vermarktung von Kunst dient. Für Kunsthistoriker seien sie jedenfalls nicht von Belang. Der deutsche Medientheoretiker Oliver Grau hingegen glaubt, dass solche Versuche pädagogisch wertvoll sein könnten: «Gemälde, die Virtual Reality begehbar macht, können vielleicht helfen, die Bildwelten und Perspektiven der Künstler verschiedener Zeiten noch besser zu verstehen», meint Grau.

Einen so hohen Anspruch haben die «DNA Studios» und RTS nicht. Im Vordergrund stehe, das Interesse der Menschen zu wecken, sagt Projektleiter Charrière. «Wir wollen eine jüngere Generation und Laien für die Schweizer Kunst begeistern. Mit Hilfe der virtuellen Realität können sie die grossartigen Werke des 19. Jahrhunderts auf eine neue und anregende Weise erleben.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1