Angeblicher Holocaust-Vergleich
Missverstehen Sie mich richtig - Carolin Emcke sagt eigenen Shitstorm voraus

Geschichtsvergessen sei es, gar ein Holocaust-Vergleich: Carolin Emcke löst einen Shitstorm aus. Den Hass, der ihr entgegenschlägt, hat die Publizistin selbst vorhergesehen.

Anna Raymann
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Carolin Emcke ist eine der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands. Ihre Rede am Parteitag der Grünen löste einen Shitstorm aus.

Carolin Emcke ist eine der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands. Ihre Rede am Parteitag der Grünen löste einen Shitstorm aus.

Assanimoghaddam / DPA

«Gegen den Hass» ist einer der bekanntesten Buchtitel von Carolin Emcke. Nun ist die deutsche Autorin und Publizistin selbst Zielscheibe ebendieses geworden: «Carolin Emckes unverzeihliche Dummheit» titelte die «Welt». Die «Bild»-Zeitung empörte sich ebenso wie der prominente Kolumnist Harald Martenstein. Doch am lautesten, wie immer, schimpft die «Twitteria».

Es braucht nicht viel für einen Shitstorm. Im Fall Emcke sind es drei Sätze. Es geht darin um den populistisch geschürten Hass gegen die «Eliten» und um Wissenschaftsfeindlichkeit. Doch in diesem Ausschnitt einer Rede am Parteitag der Grünen will man einen Holocaust-Vergleich gehört haben.

Der Holocaust-Vergleich bei Muschg

Die Schweiz horcht auf: Hatte nicht kürzlich Adolf Muschg …? Auch dem Schweizer Schriftsteller ging es um die Debattenkultur, allerdings von anderer Schlagseite: «Diese Canceling Culture, die wir heute haben ... das ist im Grunde eine Form von Auschwitz.» Auch hier sind es nur zwei Halbsätze, doch die gewählten Worte sind kaum Auslegungssache.

Anders bei Carolin Emcke:

«Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.»

Wer das Video schaut, bemerkt die Anführungszeichen, die Emcke vor «Juden» und «Virologinnen» in die Luft zeichnet. Sie zitiert Verschwörungsgerüchte, die verstärkt in den sozialen Medien gestreut werden. Die rhetorische Figur verschwindet jedoch ohne Bild, gehört wird ein Bezug, ein Vergleich gar, den eine intellektuelle Autorin schlicht nicht bemühen sollte.

Shitstorm im Wahlkampf

Die Klimaforscherinnen werden auch nach der verlorenen Abstimmung zum CO2-Gesetz weder in der Schweiz noch in Deutschland verfolgt wie die jüdische Gemeinschaft in der Shoah. Diese Behauptung Carolin Emcke, langjähriger Kriegsreporterin, zu unterstellen, ist dennoch abwegig. Die Idee, dass sie sich hier auf den Holocaust bezieht, übersieht zudem den aktuell grassierenden Antisemitismus.

Emcke wird während des Wahlkampfs mit Absicht missverstanden. Sie sah es voraus: «Das Objekt, auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig.»