Alte Reithalle Aarau
«Broken Spaces»: Dieses Buch macht die Alte Reithalle Aarau zur stolzen Hauptfigur

Die Alte Reithalle in Aarau hat eine bewegte Geschichte. Anouk Gyssler hat sie für das Kunstbuch «Broken Spaces» erwandert.

Anna Raymann
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Anouk Gyssler hat die Baustelle der Alten Reithalle Aarau für ihr Buch «Broken Spaces» begleitet.

Anouk Gyssler hat die Baustelle der Alten Reithalle Aarau für ihr Buch «Broken Spaces» begleitet.

Luca Schaffer / Broken Spaces Are More Likely.

Flanieren ist eine Kunst. Was für die einen in den Shutdown-Monaten zum erzwungenen Hobby wurde, ist für die anderen längst Leidenschaft. Anouk Gyssler hat sich die Alte Reithalle, quasi erwandert: ihren Wandel vom Provisorium zum prächtigen Mehrspartenhaus. Die Alte Reithalle ist 2000 Quadratmeter gross, der Saal etwa 70 Meter lang. Wollte man errechnen, wie viele Schritte Gyssler auf ihren 40, 50, ja 100 Rundgängen gemacht hat, müsste man mit grossen Zahlen hantieren. Aus diesen Streifzügen durch die Baugeschichte hat Anouk Gyssler den Kunstband «Broken Spaces» gemacht: «Im Grunde ist es ein Spaziergang durch Aarau, eine flaneurhafte Entdeckungstour.»

Das Buch «Broken Spaces» kommt als limitierte Auflage daher, die Sonderedition sogar mit Pflasterstein vom Vorplatz der Alten Reithalle.

Das Buch «Broken Spaces» kommt als limitierte Auflage daher, die Sonderedition sogar mit Pflasterstein vom Vorplatz der Alten Reithalle.

Tobias Jaeggli / ©zeitgeist.ch

Sie ist Historikerin, Germanistin und Theaterpädagogin. Auf 240 Seiten führt sie in «Broken Spaces» durch die Baustelle aus der die neue Alte Reithalle wächst.

In der Alten Reithalle laufen die Wege zusammen

Dafür findet sie eine eigene Form, die sich ähnlich wie das Haus, nicht an die Leine nehmen lassen will. Ist es eine Dokumentation? Die Auslegeordnung eines Archivs? Oder viel mehr eine prosaische Erzählung?

Für letzteres spricht die Erzählfigur, die scharf beobachtend durch die drei Kapitel «Kultur Stadt», «Hof Halle» und «Bühne Bau» schlendert. Unterwegs begegnet sie weiteren Figuren, die nicht näher benannt werden, aber in irgendeiner Weise mit der Alten Reithalle verbunden sind. Mit den Zeilen ahnt man aber: Da spaziert der Stadtbaumeister Jan Hlavica, die Präsidentin des Trägervereins Christine Egerszegi oder eine Nachbarin, deren Vater einst noch durch die Halle ritt. Sie alle kommen in der Alten Reithalle – und in «Broken Spaces» zusammen.

«Ich hätte ohne Schwierigkeiten vier Bücher schreiben können.»

In den über 40 Gesprächen hat die Autorin unzählige Anekdoten, Geschichten und Zwischenrufe gesammelt. «Ich hätte ohne Schwierigkeiten vier Bücher schreiben können.» Stattdessen hat sie radikal kondensiert, Momente und Figuren miteinander verwebt. «Solche grossen Sprünge durch die Zeitgeschichte zu machen, für manche Momente nur einen Satz zu haben, tat mir als Historikerin weh, ja - als Autorin waren diese Lücken und Zwischenräume umso reizvoller», so Gyssler.

Der Raum ist eine selbstbewusste Hauptfigur

Wo am Anfang noch klar der Text den Leser führt, übernehmen nach und nach die Bilder diese Aufgabe. Auf ihnen kann man der Halle beim Wachsen zusehen. Baugerüste schieben sich ins Blickfeld, Bagger fahren auf – schweres Gefährt, das man bei der Eröffnung der Alten Reithalle am kommenden Wochenende vergessen haben wird.

Künstler und Architekt Elias Kurth mit seiner Langzeitperformance «Broken Spaces Are More Likely»

Künstler und Architekt Elias Kurth mit seiner Langzeitperformance «Broken Spaces Are More Likely»

Pearlie Frisch

Das Buch ist eng verflochten mit der Langzeitperformance von Elias Kurth, der die verschiedenen Bauphasen künstlerisch begleitet hat. Er war es, der bei Anouk Gyssler anrief und die Idee aufbrachte, die Türen des Hauses auch während des Umbaus für die Kunst einen Spalt offen zu lassen.

«Das Schlimmste wäre, wenn die Alte Reithalle zur Hülle würde, die man beliebig füllt, statt mit ihr zu interagieren.»

«Als Regisseurin und Dramaturgin interessiert mich der öffentliche Raum. Ich habe oft Orte bespielt, die nicht per se für die Kultur gedacht sind. Ausserdem bewege ich mich seit Jahren in und um die Reithalle herum», erzählt Gyssler. «Elias Kurth und ich haben den Raum immer als Bühne und eigenständigen Akteur oder Performer verstanden. Das Schlimmste wäre, wenn die Alte Reithalle zur Hülle würde, die man beliebig füllt, statt mit ihr zu interagieren.» Zumindest in «Broken Spaces» wird der Raum selbstbewusst zur Hauptfigur.

Anouk Gyssler und Elias Kurth: Broken Spaces. Alte Reithalle Aarau. 2021. brokenspaces.ch. Handel: Bühne Aarau, Kaufhaus zum Glück, Buchhandlung Kronengasse

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