Interview

Alanis Morissette über ihr neues Album: «Es ist die Schlaflosigkeit, die mich in die Arme des Alkohols treibt»

Die gebürtige Kanadierin Alanis Morissette lebt heute in Kalifornien.

Die gebürtige Kanadierin Alanis Morissette lebt heute in Kalifornien.

Alanis Morissette hat sich mit dem Album «Jagged Little Pill» und Songs wie «Ironic» vor einem Vierteljahrhundert unsterblich gemacht. Die Mutter von drei Kindern spricht über Sucht, Depression und ihr neues Album «Such Pretty Forks In The Road».

Alanis, Ihre Single heisst «Reasons I Drink». Hatten Sie heute schon Grund zu trinken?

Alanis Morissette: Japp. Bis jetzt habe ich widerstanden, aber gut möglich, dass ich nachher mit meinem Mann eine Flasche Wein öffne. Es ist vor ­allem die Schlaflosigkeit, die mich in die Arme des Alkohols treibt. Ich habe das Gefühl, dass ich sechs Tage lang nicht gepennt habe. Der Jetlag, die drei Kinder – mein Stresslevel ist immer sehr hoch.

Was tun Sie dagegen?

Nun ja, Medikamente helfen, sehr ­sogar. Ansonsten ist die Liste der al­ternativen Selbstmedikation lang: Essen, Alkohol, das Stürzen in Arbeit, Liebe.

Zur Person

Alanis Morissette – SängerinAlanis Morissette wurde vor 46 Jahren in Ottawa geboren. Sie war in Kanada ein Kinderstar, bevor sie 1995 «Jagged Little Pill» veröffentlichte, das sich über 25 Millionen Mal verkaufte. Ihre Alben erreichen zwar immer noch Top-Positionen, den Erfolg von «Jagged Little Pill» konnte sie nie wiederholen. Heute ist die dreifache Mutter mit dem Rapper Souleye verheiratet, lebt in San Francisco und hat die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangt. «Such Pretty Forks In The Road» ist ihr neuntes Studioalbum. (sk)

Alanis Morissette – Sängerin


Alanis Morissette wurde vor 46 Jahren in Ottawa geboren. Sie war in Kanada ein Kinderstar, bevor sie 1995 «Jagged Little Pill» veröffentlichte, das sich über 25 Millionen Mal verkaufte. Ihre Alben erreichen zwar immer noch Top-Positionen, den Erfolg von «Jagged Little Pill» konnte sie nie wiederholen.
Heute ist die dreifache Mutter mit dem Rapper Souleye verheiratet, lebt in San Francisco und hat die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangt. «Such Pretty Forks In The Road» ist ihr neuntes Studioalbum. (sk)

Sie sind seit zehn Jahren mit dem Rapper und Musiker Mario «Souleye» Treadway verheiratet. Wie schlimm ist die Liebessucht denn?

Ich habe glücklicherweise einen Mann geheiratet, mit dem es immer noch sehr gut funktioniert. Wir haben unsere Kämpfe, aber es läuft mit ihm eindeutig besser als mit allen Kerlen zuvor. Wenn wir streiten – was wir oft genug tun –, sehen wir das eher als ­Ansporn, noch mehr miteinander zu reden.

Rapper Mario Treadway

Rapper Mario Treadway

Sie sprechen sehr offen über Ihre Depressionen nach den Geburten der Kinder. Wie hat sich die Krankheit geäussert?

Bei Ever und Onyx, den älteren, durch schrecklich dunkle Gedanken und Bilder im Kopf von furchtbaren Verletzungen und dem Tod. Sehr, sehr ungesunde Gedanken. Gedanken, die einen zermürben und zersetzen. Und, ja, die Tabletten helfen tatsächlich. Auch Cannabis tut gut. Mittlerweile habe ich genug Erfahrungen mit der Krankheit gesammelt, dass ich merke, wenn es wieder losgeht.

Auch in Songs wie «Diagnosis» und «Losing The Plot» sprechen sie über psychische Leiden.

Ja. Ich glaube, je sensibler und aufnahmebereiter wir uns selbst gegenüber sind, desto besser können wir uns Therapien und anderen Angeboten gegenüber öffnen und sie zu unserem Wohlbefinden nutzen. Wenn Menschen wie Kurt Cobain oder Jimi Hendrix mehr Unterstützung gehabt hätten, wer weiss, was aus ihnen geworden wäre?

Wird das Leben insgesamt weniger kompliziert mit dem Älterwerden?

Das ist zumindest meine Erfahrung. Meine Resilienz und meine innere Stärke sind grösser geworden. Die Hochs sind nicht mehr ganz so verrückt hoch, und die Tiefen sind nicht mehr automatisch Abgründe. Ich lasse mich nicht mehr von jeder Panikattacke in Panik versetzen (lacht).

Wie ging es Ihnen denn beim Schreiben der neuen Lieder?

Als ich den Song «Losing The Plot» schrieb, fassten wir den Entschluss, umzuziehen, unser Leben neu auf­zustellen. Eine Veränderung tat not. Ich habe 25 Jahre in Hollywood gelebt, davon 22 Jahre im selben Haus. Doch sind wir vor gut einem Jahr in die Bay Area umgezogen, in die Nähe von San Francisco. Für mein Wertesystem und auch für das meiner Kinder ist es gesünder dort.

Wie meinen Sie das?

Als Frau über 26 bist du in Hollywood praktisch abgemeldet. Los Angeles ist nach wie vor männerdominiert und materialistisch. Früher war es okay, nur Millionärin zu sein. Heute brauchst du eine Milliarde, um zu genügen. Ich wollte mit der Familie irgendwo hin, wo andere Werte wichtiger sind: Beziehungen, Zusammenhalt, Gemeinschaft und Fairness.

Wegen der ganzen Tech-Unternehmen leben in und um San Francisco mittlerweile aber sicher mehr Milliardäre als in Hollywood.

Ja, da haben Sie vollkommen recht. Die Gegend ist auch deutlich konservativer, als ich es mir vorgestellt hatte. Von meiner romantischen Hippiefantasie ist nicht viel übrig. Trotzdem: Die meisten meiner besten Freunde leben dort, und mit irgendwem kann man sich immer schnell treffen. So weit es geht, leben wir dort in einer heilen Welt.

Sie waren in Kanada ein Kinderstar und nicht viel älter als Ihr Neunjähriger, als Ihre Karriere begann.

Das stimmt. Mal schauen. Wir forcieren nichts, aber wir würden die Kinder auch nicht daran hindern, wenn das ihr Wunsch wäre. Ich selbst wusste mit drei, dass ich Sängerin werden wollte. Aber bis heute denke ich, ich hätte auch gern studiert. Die heutige Zeit ist offener, die Gesellschaft lädt dich geradezu ein, alles sein zu können. Ich finde diese Ära toll für vielfältig begeisterte Menschen.

Besucht Ihr Ältester eine normale Schule?

Nein, wir unterrichten ihn und Onyx daheim. Das Konzept nennt sich «Unschooling» und basiert auf einer Theorie der multiplen Intelligenzen. Es gibt keine klassischen Fächer, keine festgelegten Stunden und keine Noten. Mathe, malen, über Hindernisse laufen, Philosophie – alles ist gleichberechtigt wichtig.

«Reasons I Drink» ist der wütendste Song auf Ihrem Album. Wie wichtig ist Wut?

Wut ist immens wichtig. Wut ist für mich ein positives Gefühl. Solange wir unsere Wut spüren und ihr Ausdruck verleihen können, sind wir nicht depressiv. Meine Wut hilft mir, als Mamabär die Kinder zu beschützen, und sie hilft mir auch, wenn ich bei Kongressen über Themen wie das Patriarchat und die Stellung von Frauen in der Musikbranche debattiere. Wut stösst Veränderungen an. Ich liebe junge Menschen wie Greta Thunberg. Sie hat sehr viel Grund, um wütend zu sein.

Was denken Sie über die #MeToo-Bewegung?

Sie ist grossartig. Ich werde immer sauer, wenn es heisst «Warum hat sie so lange gewartet, bis sie etwas gesagt hat?» Die meisten Frauen haben nicht gewartet. Viele von uns sind in ihren Betrieben beim Chef oder in der Personalabteilung abgeblitzt oder wurden gemobbt. Jetzt endlich wird einem zugehört. Für mich ist #MeToo keine feministische Bewegung, sondern eine menschliche.

Ihr berühmtestes Album «Jagged Little Pill» wird 25 Jahre alt. Sind Sie stolz?

Ja. Ich kann die Songs immer noch mit derselben Überzeugung singen wie mit Anfang 20. Das Album hat das Leben vieler Menschen ein bisschen beeinflusst, es hat ihnen eine Palette von Gefühlen an die Hand gegeben: Wut, Freude, Trauer, Glück, das volle Programm. «Jagged Little Pill» war ein Erlaubnis-Erteiler für Emotionen aller Art, deshalb wurde es so ein Zeitgeist-Phänomen.

Inzwischen gibt es eine Musical-Version, die am Broadway gespielt wird.

Und ich heule jedes Mal, wenn ich im Publikum sitze. Es sind glückliche Tränen.

Sie sind Kanadierin und haben seit 2005 auch die US-Bürgerschaft. Warum?

Damit ich in dem Land, in dem ich seit Mitte der Neunziger lebe, wählen gehen kann. Über dieses Recht bin ich heute glücklicher als je zuvor. Meine Favoritin wäre Elizabeth Warren gewesen, aber hey, ich bin erleichtert darüber, dass das Pendel zurückschwingt. Auch wenn mich die Politik in diesem Land in den vergangenen vier Jahren manchmal zu Tode ängstigt, glaube ich grundsätzlich daran, dass wir Menschen lernen und uns unter Schwankungen zum Positiven entwickeln.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite an einem Buch. 1300 Seiten habe ich schon geschrieben. Aber ein paar Monate brauche ich noch. Ich liebe es einfach, viele Worte zu machen.

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