Kultur

Aber diese 1363 Seiten sollte man unbedingt ganz lesen!

Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre bei der Heimarbeit in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Thomas-Mann-Archiv/Keystone

Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre bei der Heimarbeit in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Thomas-Mann-Archiv/Keystone

Replik auf die Klassikermüdigkeit in der Ausgabe vom 30. November. Mein Gegenrezept: «Joseph und seine Brüder» von Thomas Mann. Wie der Nobelpreisträger zwischen 1933 und 1942 die Bibel so humorvoll und psychologisch feinsinnig erzählt, ist klug und vergnüglich.

Ungeduld ist zwar keine Todsünde, aber wahrscheinlich eine Zeitkrankheit. In der Schweiz am Wochenende titelte diese Zeitung: «Verdurstet in der Bleiwüste. Bestsellerliste der ungelesenen Werke: Klassiker, die jeder kennt, aber kaum jemand zu Ende schafft.»

Das ist zwar voll aus dem Leben von uns Dauerüberforderten gegriffen. Und das erlösende Kopfnicken stelle ich mir tausendfach vor: «Puh, endlich sagt das mal jemand. Dann geht es nicht nur mir so! Ich kann die Klassiker getrost im Regal stehen lassen und an der nächsten Party oder dem nächsten Abendessen über das Nichtlesen smalltalken.»

Ich melde Widerspruch an. Mein Beweis und Lesetipp, der nur auf den ersten Blick völlig unzeitgemäss ist: «Joseph und seine Brüder» von Thomas Mann, erschienen zwischen 1933 und 1942. Den Roman las ich vor 30 Jahren. Seither begleitet er mich. So klug und ironisch, so erotisch und blutrünstig, so tief die Geschichte ins Menschliche verwandelnd. Er rettet die Welt durch Humanismus. Das sind grosse Worte – aber für grosse Literatur, die so grundlegende Einsichten bietet und ein Rezept gegen Borniertheit und Fundamentalismus der Schriftfanatiker und Mythenanbeter bereithält, darf man schon mal pathetisch argumentieren.

Aber 1363 Seiten! Die Einwände liegen allzu leicht auf der Hand: Die Bibel (Genesis 37-50) schafft das auf 15 Seiten. Ja und? In diesem wunderbaren Alterswerk hat der Nobelpreisträger nach dem bildungsüberfrachteten «Zauberberg» zum frischen, sinnlichen Erzählen gefunden. Und er hat sich gegen den Zeitgeist und den primitiven Mythenwahn der Nazis in den 1930- und 40er Jahren gestemmt, indem er sich mit den jüdischen Wurzeln der christlichen Kultur beschäftigt hat. Diese mit Ironie und Psychologie vorgeführte Re-Lektüre der Bibel sollte Vorbild sein für alle aufgeklärten Zivilisationen.

Ach, also ein philosophischer Roman aus dem Altertum? Der Einwand greift zu kurz: Denn wie Thomas Mann die Josephsgeschichte mit Brunnensturz, Entführung nach Ägypten, der Karriere mit dem Traum der sieben fetten und mageren Jahre, schliesslich mit dem Ernährer Joseph und der Versöhnung mit Vater und Brüdern erzählt, ist ein Vergnügen – sinnlich und mit Ironie grundiert. Das Buch liest sich voll aktueller Bezüge: Man kann darin Grundlegendes über Multikulturalismus lesen, über die Psychologie des bigotten Fanatismus, über unterdrückte Sexualität, Rache und Versöhnung. Konkret: Der zynische Nationalismus der Josephs-Brüder erinnert an IS-Terror; wenn Joseph in Ägypten zum Wirtschaftsminister wird, erweist Thomas Mann dem «New Deal», der sozialen Marktwirtschaft à la Theodor Roosevelt die Ehre. Lesetipp: Das 20-Seiten-Vorspiel überblättern. Zu gelehrt und es steigert die Lust nicht. Den ganzen Rest: Unbedingt lesen! Bleiwüste? Nein, diese Wüste blüht! Danach darf man gerne wieder nach Sibylle Berg und Simone Lappert, nach Ian McEwan, Milena Moser und Martin Suter greifen.

Autor

Hansruedi Kugler

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