Eigentlich sei es seltsam, den Geburtstag eines Gesetzes zu feiern. Aber der Aargau habe am 1. April 1969 gezeigt, dass er die Kultur ernst nehme. Das sagte Kuratoriumspräsident Rolf Keller. Wie ernst es der Aargauer Kultur- und Politszene mit der Kultur heute noch ist, bewies der Aufmarsch zur Feier. 700 Leute kamen, mehr hatten nicht Platz in der Halle 37 im Trafo Baden.

Man feierte eine Pioniertat. Kulturminister Alex Hürzeler lobte den fortschrittlichen Geist von damals: Der Aargau habe es – zwar erst nach jahrelangen Vorarbeiten – aber immerhin als dritter Kanton (nach Zug und Solothurn) geschafft, ein Kulturgesetz zu schaffen. Gar einzigartig sei das Konzept des Aargaus gewesen, ein unabhängiges Fördergremium mit der Kulturförderung zu beauftragen. «Das Kulturgesetz ist einzigartig, weil es nicht Vorschriften macht, sondern weil darin die Bürger den Staat zum Handeln verpflichtet haben», sagte Keller. «Was 1969 in Kraft trat, hat Kraft entwickelt», lobte er.

Heute würden Kanton und Private die Kultur gemeinsam tragen, stellte Hürzeler fest. Kürzlich habe man ein Kulturkonzept geschrieben. Beide Redner betonten die Zufriedenheit der Einwohnerinnen und Bürger mit dem Aargauer Kulturangebot.

Und die Zukunft? Der Kanton habe Ziele formuliert, so Hürzeler. «Ich freue mich, dass es mit dem Kulturkanton Aargau weitergeht.» Keller wies der Kunst selber die Gestaltung der Zukunft zu: «Wir fördern Künstler und Projekte, die Spuren in die Zukunft legen.»

Sie waren an der Feier dabei:

Musikalische Zeitreise

Nach den nüchternen Reden wurde von Kuratoriums-Geschäftsführer Peter Erismann ein «Sinnesrausch» versprochen: «Auf Wiedersehen! Eine Inszenierung mit Sprache, Musik und Bildern». Im Volksliedermodus starteten Musiker und Sängerinnen in den frühen Sechzigern, eifrig schwatzend mimten schwarz gekleidete Männer die Grossräte von anno dannzumal und ihren Disput um ein Gesetz, Mode- und Festaufnahmen aus aargauischen Fotoarchiven sorgten raumhoch für Vergangenheitsstimmung.

Dann aber brach sie los, die viel beschworene Aufbruchstimmung: Man sah die Beatles, hörte «Satisfaction» der Stones, las Schlagzeilen über den Kalten Krieg und den Flug zum Mond. Die Musiker – viele wohlbekannte Aargauer Jazzer und E-Musikerinnen – gaben Gas und brachten mit den schrägen Tönen von John Coltrane bis Karlheinz Stockhausen das Zeitgefühl auf den Punkt und in Schwung. Das klang und vibrierte. Multimediale und welthaltige Geschichte, Wagnis und Experiment erfüllten die Halle.

Erinnerung an bünzlige 50er-Jahre

Schwieriger – in puncto Verständlichkeit, Deklamation und Auswahl – erwiesen sich die literarischen Einsprengsel. Eigentlich eine gute Idee war es, Zeitzeugen per Video zu befragen. Bei Alt-Regierungsrat Arthur Schmid wurde einem aber schmerzlich bewusst, wie weit die gloriose Kulturgesetz-Einführung zurückliegt. Max Matter, Künstler und einst Kurator, wies die Vergangenheits-Beschwörungs-Idylle in realistische Schranken, als er schilderte, wie der Aufbruch in freiheitliche, noch unbekannte Kulturgefilde am Symposium in Seengen 1978 durch die Politik gestoppt wurde. «Danach kehrten alle in ihre Ateliers zurück und schafften wieder ruhig, jeder für sich.»

Die Schau drehte weiter. Auch das Rad der Zeit? Rap, elektronische Musik und fernöstliche Klänge zeugten immerhin von geografischer und medialer Öffnung, ein gekonnt gespielter Beethoven von ewig gültigen Werten, die Sängerin im erleuchteten Hotelfenster sah hübsch aus. Aber die musikalische Collage liess sich je länger, je schwerer zeitlich verorten. Optisch fehlten die zeitbezogenen Fotografien und Schlagzeilen, stattdessen bekam das Publikum zeitlos schöne, aber harmlose Ornamente zu sehen. Zum Schluss marschierten Schülerinnen und Schüler auf, wohl die multikulturelle Gegenwart verkörpernd. Brav Blockflöte spielend, erinnerten sie aber eher an die bünzligen 50er-Jahre, als dass sie Zukunftsstimmung auslösten.