Pro/Kontra

Sind Bootcamps eine gute Trainingsmethode oder einfach nur Schwachsinn?

Bootcamp - die Trendsportart

Bootcamp - die Trendsportart

Immer mehr Leute trainieren in der Natur in der Gruppe und lassen sich dabei von einem Instruktor bis an ihre Grenzen bringen. Den Teilnehmern der Bootcamps geht es primär darum, möglichst schnell fit werden. Sinnvoll oder bireweich? Unsere Debatte.

PRO: Vom Kloster zum Traumkörper, es ist für alle möglich!

Gruppendruck ist böse? Falsch! Manchmal tut es gut, sich gemeinsam zu quälen. Es geht um mehr als eine Illusion. von Etienne Wuillemin.

Beginnen wir mit etwas Nächstenliebe. Und mit der einfachen Frage: Welche Gründe gibt es für einen 17-Jährigen, ein Wochenende im Kloster zu verbringen? Zum Beispiel diesen: Der grossartige Religionslehrer schlägt seinen Schülern vor, zusammen hinzufahren, um sich einfach mal ein bisschen Gedanken über die Zukunft zu machen. Auch dank diesen drei Tagen habe ich herausgefunden, dass Schreiben meine Berufung ist. Wäre ich alleine auch gegangen? Hmm.

Gemeinsam fällt vieles leichter. Auch wenn ich mir nun natürlich nicht erhoffe, beim Körperdrill eine nächste Erleuchtung zu erfahren. Aber darum geht es nicht. Nur um dies: Ich tue dank meinen Mitmenschen etwas, was mir eigentlich zutiefst widerstrebt. Denn für mich hat Rennen (ich weiss, korrekt würde es ‹laufen› heissen) und Krafttraining nichts mit Sport zu tun. Ich sehe kein Ziel. Ich brauche einen Ball. Immer. Ich gebe es gerne zu: Ich bewundere Menschen wie Theo Eckert, die genügend Motivation aufbringen, um die Welt zu erjoggen.

Manchmal geht nichts über Gruppendruck. Gruppendruck ist böse, sagen Mami und Papi. Aber hier geht es ja nicht um Alkohol und Tabak. Sondern um Motivation. Und wenn ich mich dann schon mal überwinde, loszulaufen, dann solls bitte ein bisschen mehr sein als das weit verbreitete «Ich-renn-drei-Mal-um-den-Baum-herum-und-denke-wow-wie-toll-habe-ich-Trainiert».

Und wer schaut, dass ich meinen inneren Schweinehund schön regelmässig überwinde? Der Kursleiter natürlich. Nur: Wer in unser heimeligen Welt ein bisschen energisch motiviert und das Ziel seiner Klienten immer vor Augen hat, wird schnell mit Vorurteilen konfrontiert: «Schreihals! Drill! Militär! So nicht!» Ich kann Sie beruhigen. Es geht nur darum, dass der Experte dem Anfänger sagt, wie viel ein Körper erträgt.

Zum Schluss: Worum geht es bei dieser Art von Training? Um ein bisschen Illusion. Jeder hätte am liebsten einen «Traumkörper». Das Schöne daran: Es ist tatsächlich möglich. Denn es geht nicht um die Frage, ob ich ein bisschen mehr oder weniger Muskeln habe. Sondern darum, wie ich mich in meinem Körper fühle. Nach einer gemeinsamen Anstrengung im Boot-camp fühlt sich jeder wunderbar.

KONTRA: Genau, so ein ziviler Brüllfritz hat uns auch noch gefehlt

Wer als Individualsportler mit Leichtathletik aufgewachsen ist, kann mit Gruppensuggestion nichts anfangen. von Theodor Eckert.

Mal wieder so ein letzter Schrei: Bootcamps. Genau, darauf haben wir alle gewartet – mit einem Boot in ein Camp segeln. Nein? Nein! Musste mich belehren lassen, es geht um etwas völlig anderes. Dann halt um den vorletzten Schrei, auf den wir ebenfalls nicht gewartet haben.

Wen wir schon beim Schrei sind, bei Bootcamps geht die Post folgendermassen ab: Ein Schreihals turnt munter vor, rennt locker davon, während sich die braven Schäfchen unterwürfigst alle Mühe geben mitzuhalten. Nichts gegen Bewegungsarmut im Alltag, aber von der Losung «mit militärischem Drill zum Traumkörper» halte ich wenig (nur unter uns: Das ist Blödsinn).

Ich wurde gedrillt zu schiessen, zu kämpfen, strammzustehen und mitten in der Nacht aufzustehen. Das ist in einer Milizarmee in Friedenszeiten durchaus zu überleben, aber wer braucht denn beim Sport einen peitschenschwingenden Brüllfritz? Einen, der da und dort ein Müskeli mehr aufweist und hundert Meter länger in hohem Tempo rennen kann, nur weil er den lieben langen Tag nichts anderes macht als das!
Und dann das ganze Theater mit der positiven Gruppendynamik. Ha, das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Sportliche Betätigung macht dann am meisten Spass und bringt nebenbei die positivsten Resultate, wenn sich die Anforderungen im Rahmen der eigenen Leistungsfähigkeit bewegen.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass weder Velotouren noch Laufrunden mit mehr als einem Teilnehmer wiederholungswürdig sind. Vergessen, abhaken. In willkürlich zusammengesetzten Gruppen muss immer einer den King spielen, Gas geben und die Stimmung killen. Gerade Letzteres scheint bei Bootcamps geradezu Programm zu sein. Dafür lassen sich Mann und Frau nicht etwa bezahlen, nein, sie greifen dafür gar ins eigene Portemonnaie.

Bleibt also an dieser Sache kein gutes Haar übrig? Doch ein einziges, das mit der frischen Luft. Das gefällt mir. Sport soll draussen stattfinden, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Nach diesen Zeilen bleibt mir nur die Hoffnung, dass ich den Bootscamps-Freunden im tiefen Wald nicht alleine über den Weg renne.

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