Frankreich. Schon wieder Frankreich, schon wieder Paris. Diesmal noch brutaler, noch kaltblütiger als bei den Attentaten auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» im Januar. Das Grauen, die Barbarei des islamistischen Terrors, lässt sich offenbar endlos steigern. Das illustriert die Nacht von Paris an diesem Freitag, dem 13. November. 132 Tote, Hunderte Verletzte: Für Frankreich war es der schlimmste Terroranschlag seiner Nachkriegsgeschichte. Nur 2005 in Madrid starben in Europa noch mehr Menschen – 191 – bei einem Attentat. 11/13 ist das 9/11 Europas. Doch nicht nur die schiere Zahl der Opfer macht fassungslos. Sondern auch die offensichtlich minuziöse Planung der Attentate und die Rücksichtslosigkeit und Perfidie, mit der die Terroristen handelten. Das stellt alle bisherigen Terroranschläge in Europa in den Schatten und macht deutlich, dass es sich hier um eine neue, noch scheusslichere Variante des islamistischen Terrorismus handelt.

Die Angriffe galten dem westlichen Lebensstil

Die neue Dimension zeigt sich bei der Wahl der Ziele. Die Attentate auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion galten einem klar definierten Personenkreis: Bestraft werden sollten die Karikaturisten, die es gewagt hatten, den Propheten Mohammed zu zeichnen und erst noch lächerlich zu machen. Die Anschläge vom Freitagabend aber trafen wahllos unbeteiligte Menschen. Menschen, die sich nach einer Arbeitswoche aufs Wochenende freuten, sich vergnügen wollten – in Restaurants, Bars, bei einem Konzert oder in einem Fussballstadion. Menschen, die das taten, was in der westlichen Welt selbstverständlich ist – geniessen, feiern, sich freuen. Etwas, das in der verqueren Ideologie der Islamisten verwerflich, dekadent, gotteslästerlich ist. So wie al-Kaida 2001 mit den Twin Towers und dem Pentagon Wahrzeichen der wirtschaftlichen und politischen Macht Amerikas ins Visier nahm, galten die Angriffe jetzt dem westlichen Lebensstil und seinen Symbolen.

Die neue Strategie des Islamischen Staats

Neu und erschreckend ist zudem der Organisationsgrad des islamistischen Terrors in Europa. Bisher konnte man von Einzeltätern ausgehen, «einsamen Wölfen», die zwar vom Islamischen Staat inspiriert waren, aber keine direkten Verbindungen zur Terrormiliz im Nahen Osten hatten. Ihre Attentate waren oft amateurhaft geplant und dilettantisch durchgeführt. Seit Kurzem weiss man allerdings, dass bereits die «Charlie»-Attentäter vom IS in Syrien gesteuert wurden. Obwohl es dafür bislang noch keine Beweise gibt, ist davon auszugehen, dass das auch für die Terroristen vom Freitag gilt. Denn um innert kürzester Zeit an sechs Orten gleichzeitig zuzuschlagen, braucht es eine präzise, geradezu generalstabsmässige Planung. Ferner erfordert ein Anschlag in diesen Dimensionen trainierte, kaltblütige und ausreichend bewaffnete Täter. So waren die Terroristen von Paris nicht nur mit Kalaschnikows, sondern – erstmals in Europa – auch mit Sprengstoffgürteln ausgerüstet.

Die professionelle Planung und Durchführung des Massakers deutet darauf hin, dass der IS zu einer neuen Strategie übergegangen ist: Die Terrormiliz mordet nicht mehr nur lokal und regional, sondern global; sie greift den Westen direkt an. Damit übernimmt sie die Strategie der Kaida. Osama Bin Ladens Organisation hatte ursprünglich versucht, die «korrupten, heuchlerischen» Regierungen zu stürzen, indem sie überall in der islamischen Welt ein Netzwerk kleiner, lokaler Terrorgruppen schuf. Als das nicht gelang, griff die Kaida den Westen – und vor allem die USA (9/11) – direkt an.

Von dieser direkten Strategie verspricht sich offenbar nun auch der IS Erfolg. Im Nachhinein sieht es ganz so aus, als wäre das «Charlie»-Attentat ein erster Testlauf gewesen. Mit 11/13 erreichte der globale Terror des IS eine neue Stufe: Wenn vor einem mit 80 000 Menschen besetzten Fussballstadion Bomben explodieren, wenn im Zentrum der französischen Hauptstadt Tausende stundenlang in Panik versetzt werden, dann ist das eine gewaltige Machtdemonstration der Islamisten.

Doch ihr wichtigstes Ziel haben die IS-Mörder (noch) nicht erreicht: Dass die Menschen in der zivilisierten Welt aus Angst vor dem Terror ihren Lebensstil ändern. Deshalb werden sie weiter bomben, weiter töten. Darauf müssen wir uns einstellen. Es sei denn, es gelingt, den IS zu vernichten. Mit militärischen Mitteln ist das freilich nicht zu erreichen. Denn die Wurzeln des Terrors in der islamischen Welt liegen im Zusammenbruch der staatlichen Strukturen. Syrien, Irak, Libyen und Jemen sind heute «failed states», gescheiterte Staaten, in denen der Islamismus gedeiht. Namentlich im Irak, in Libyen, aber auch in Afghanistan sind die militärischen Interventionen des Westens dafür mitverantwortlich. Deshalb scheut der Westen davor zurück, den IS mit Bodentruppen zu bekämpfen. Es ist ein Teufelskreis: Greift man militärisch ein, gibt man den islamistischen Terroristen neue Nahrung. Der Westen ist in diesem Teufelskreis gefangen.