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Egerszegi für Bruderer: Urfreisinniges Verhalten

Christine Egerszegi (l.) und Pascale Bruderer.

Christine Egerszegi (l.) und Pascale Bruderer.

Darf eine scheidende FDP-Ständerätin die Kandidatur einer SP-Kollegin unterstützen? Der ehemalige Solothurner Finanzdirektor Christian Wanner, selber FDP-Mitglied, sieht darin ein urfreisinniges Verhalten.

Kaum jemand hat sich in den letzten Jahren um die FDP so verdient gemacht wie die aargauische Ständerätin Christine Egerszegi. Sicher in der Sache, gradlinig und nachvollziehbar in ihrer Politik hat sie sich weder von links noch von rechts von ihren Überzeugungen abbringen lassen. Dort, wo dies möglich war und ihr richtig erschien, hat sie Brücken gebaut und mitgeholfen, Mehrheiten zu finden. Solches Verhalten ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht die Sache jener, die ihren politischen Weg eher in der Konfrontation als im vernünftigen Kompromiss sehen. Neider und Kritiker gibt es bekanntlich zuhauf; diese gehören allerdings, was das Realisieren brauchbarer Lösungen angeht, eher zur «verlegenen» Sorte. Umso mehr warten sie auf die erstbeste Gelegenheit, um kompetenten Leuten in der Politik eins auszuwischen.

Bei Christine Egerszegi schien unlängst die Gelegenheit dazu gekommen. Zusammen mit der Sozialdemokratin Pascale Bruderer hat sie in den letzten vier Jahren die Interessen des Kantons Aargau wahrgenommen. Beiden Ständerätinnen ist der Wille zur Zusammenarbeit und zum Denken über die Parteigrenzen hinaus eigen. Solches haben sie mehrfach unter Beweis gestellt und politische Verantwortung übernommen. So ist es denn nichts als logisch und angebracht, dass Christine Egerszegi, die nicht mehr zur Wiederwahl antritt, ihre bisherige Mitstreiterin aus dem Aargau zur Wiederwahl empfiehlt. Sie hat nur das getan, sie hat sich in keiner Weise gegen jemand anderen aus dem umfangreichen Kandidatenfeld ausgesprochen. Allerdings hat Christine Egerszegi die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Von überall hagelte es Kritik. Sogar von parteischädigendem Verhalten war die Rede.

Man soll auch mal über die Parteigrenze hinausschauen dürfen

Eigentlich könnte man zur Tagesordnung übergehen. Für mich allerdings stellen sich hier einige grundsätzliche Fragen. Es liegt mir fern, mich in aargauische Wahlkämpfe einzumischen. Solches steht mir in keiner Art und Weise zu. Es gibt aber einige Aspekte, die auf eine zunehmende politische Polarisierung in unserem Land hinweisen. Man mag dies bedauern oder nicht. Tatsache ist, dass unser Land auch in Zukunft Lösungen braucht, die nicht den einen alles lassen und den anderen nichts zugestehen.

Politische Parteien haben in unserem Land eine wesentliche Bedeutung. Das soll auch so sein. Dennoch gibt es auch Grenzen, die nicht zuletzt auch von demokratischen Empfindungen hergeleitet werden können. Vor nicht allzu langer Zeit war es im Kanton Solothurn möglich, dass sich die FDP und die SP in einer gemeinsamen Ständeratsliste zusammenfanden. Das war nicht zuletzt ein Ausfluss des Solothurner Freisinns, der heute leider etwas in Vergessenheit zu geraten droht. Bei Majorzwahlen war dies möglich und auch verträglich.

Freisinnig sein heisst auch, gute Arbeit in allen Lagern anzuerkennen

Was ist denn verwerflich daran, fähige Kandidierende über die Parteigrenzen hinweg zu unterstützen? Solches liegt nicht zuletzt im Interesse unseres Gemeinwesens – für das sich auch Pascale Bruderer immer wieder engagiert. Das weiss und spürt Christine Egerszegi ganz genau, handelt entsprechend und steht hin, auch wenn es Kritik hagelt. Das ist nichts anderes als urfreisinniges Verhalten, das sich auch mit einem entsprechenden Mass an politischer Treue für jene, die gute Arbeit leisten, gleichsetzen lässt.

Als ich noch Präsident der kantonalen Finanzdirektoren war, habe ich mir jene Parlamentarier gut gemerkt, die sich ab und zu auch für kantonale Finanzen interessiert haben. Pascale Bruderer gehörte dazu, und das habe ich sehr geschätzt. Man mag mir entgegenhalten, so etwas sei selbstverständlich und nicht der Erwähnung wert. Es ist aber nicht selbstverständlich, das habe ich über lange Jahre erfahren. Darum thematisiere ich dies jetzt, im Vorfeld der Wahlen, und nicht in einem halben Jahr. Zurzeit hören wir immer wieder von Richtungs- oder gar Schicksalswahlen. Ich habe nie Wahlen erlebt, von denen nicht Gleiches oder Ähnliches behauptet wurde. Am meisten von jenen, die zu diesem Zeitpunkt nicht in der besonderen Gunst der Wählenden standen. Hoffen wir im Interesse unseres Landes auf Politiker, die den Mut haben, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen, und den Mut haben, dies öffentlich kundzutun.


Der Meisterlandwirt aus Messen, Mitglied der FDP, war bis 2013 solothurnischer Finanzdirektor und Präsident der Finanzdirektorenkonferenz. Er ist Mitglied im Publizistischen Ausschuss der AZ Medien.

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