Kolumne

Was hat Cabrio-Fahren mit der Vernunft zu tun?

Die Corvette gibt es jetzt auch als Cabriolet. (Archivbild)

Die Corvette gibt es jetzt auch als Cabriolet. (Archivbild)

Mit den ersten Frühlingsstrahlen sind auch die Cabrio-Fahrer wieder auf den Strassen unterwegs. Was hat es mit Menschen auf sich, die ein Auto kaufen, in das wenig hineinpasst, aber doch viel kostet? Und was hat das mit der Vernunft zu tun?

Kaum drängen die ersten Märzensterne zur Sonne, röhren auch sie wieder los: die Cabriofahrer. Die spinnen seit je, das französische «cabriole» bedeutet schliesslich «Kapriole». Davon können Liebhaber des offenen Gefährts nicht genug kriegen. Sie zahlen viel Geld für ein Auto, in das wenig hineinpasst. Das mehr Sprit braucht. In das es hineinregnet, wenn man vergessen hat, das Dach zu schliessen, und manchmal auch, wenn man es nicht vergessen hat. In dem es saumässig zieht. In dem man im Pechfall sehr verletzlich ist.

Sicher, die spinnen, die Cabriofahrer. Sie sind so auffällig unvernünftig, dass jeder Nachbar, der bei Trost ist, nur den Kopf schütteln kann. Aber konnte es etwas Schöneres geben, als im Triumph TR 6 auf den Grimselpass zu fahren, den Himmel über sich, die Freundin neben sich, den Wind im Haar, das Röhren des Motors im Ohr? Hier reimte sich Autofahren noch mit Autonomie, es war reine Selbstermächtigung. Auf die Grippe pfeifen. So cool sein wie «Thelma und Louise» auf ihren Beutezügen in ihrem 1966er-Ford-Thunderbird, so verführerisch wie Dustin Hoffman in seinem Alfa Spider in «Die Reifeprüfung», so verwegen wie Alain Delon einst mit Shirley MacLaine im offenen Ferrari 250 GT.

Wie vernünftig ist diese Freiheit?

Wenn das unvernünftig ist, möchte man gleich sein Leben lang so unvernünftig bleiben. Diese Unvernunft schmeckt so heftig nach Freiheit, dass wir uns fragen müssen: Ist am Ende jede Freiheit nicht richtig vernünftig? Beginnt Freiheit, wo die Vernunft aufhört?

Oder setzt Vernunft der Freiheit ein Ende? Das Autofahren hebt ja gerade zu einer neuen Epoche ab. Die fahrerlosen Fahrzeuge rollen an – und versprechen jede Menge Erlösung: Endlich kommt das Hauptübel der Mobilität (der ewige Versager Mensch) aus dem Spiel, dito der Gaspedal-Macho, endlich dürfen wir beim Fahren telefonieren, googeln, gerne auch betrunken, der Verkehr wird künftig wie von Geisterhand geführt, mehr als ein paar schlaue Algorithmen braucht es dazu nicht, und schon sieht es auf den Strassen nach Vernunft aus: effizient, bequem, sicher.

Ist das Freiheit – oder bleibt sie auf der Strecke? Wir fahren mit, googelnd, twitternd, chattend, das Steuer übernimmt ein Computer mit Direktanschluss an ein Privatunternehmen – ihm geben wir fortan unsere Wege in die Hand. Die sogenannt autonome Mobilität ist aus Sicht des Menschen das Gegenteil: unmündig. Sie erfüllt die Sehnsucht nach Selbstabschaffung des Störfalls Mensch. «Auto» heisst «selbst». Wer ist hier selbst? Fährt die Karosse von selbst oder fährt der Mensch selber? Das Vehikel selber lenken. Dadurch ging das Auto ein in die Emanzipationsgeschichte: als Mittel für die Souveränität des Menschen.

Ein Trainingsmodell für das freie Leben

Autofahren als Metapher für Freiheit? Wirkt reichlich abgegriffen. Freie Fahrt für freie Bürger? Eher komisch. Als Trainingsmodell fürs freie Leben taugt es trotzdem: Auf der Strasse machen wir die Erfahrung, dass spontane Spurwechsel möglich sind, dass man ausscheren, abbiegen, neue Wege probieren oder auch wenden kann. Gut möglich, dass wir dieses Training mitnehmen, als Erfahrung, dass wir auch in Beruf und Politik nicht stramm stehen müssen. Autofahren als Möglichkeit, jederzeit am Lenkrad zu reissen: Das ist auch Widerstand gegen die Macht der Navigationssysteme. Widerstand gegen die behauptete Alternativlosigkeit. Der Stimme des GPS einmal nicht folgen, bis sie immer beleidigter ihr «Wenn möglich, bitte wenden»! in den Wagen blechert: Das ist Übung in Selbstbestimmung, die sonst verkümmert, wie alles, das nicht regelmässig trainiert wird.

Mobilität zeigt plastisch den Zwiespalt der digitalen Zukunft. Der Verkehr wird sicherer werden, kommoder, reibungsloser, effizienter. Wir bestellen eine iKabine, tippen das Ziel ein, der Bordcomputer kontaktiert mein Handy, spielt meine Lieblingsmusik ein, säuselt Shoppingtipps für unterwegs, offeriert Prosecco aus der Bar, alles läuft rund, Unfall praktisch ausgeschlossen, ein perfekter Schaltkreis, kein Wind, kein Lärm, die Kabine verschont mich vor Konkurrenz draussen, vor unvernünftigen Trieben in mir, und falls ich dagegen nicht aufbegehre, finde ich meinen Bedürfnishaushalt perfekt bedient.

Total rational. Freiheit aber braucht vermutlich Gegenwind.

* Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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