Eigentlich wollte ich über die Bundesratswahlen schreiben. Aber darüber wird in diesen Tagen so viel geschrieben, dass ich den Plan änderte. Hinzu kommt, dass ich kürzlich über das Wort «Smombie» gestolpert bin. Ein Smombie ist ein Mensch, der nichts mehr von seiner Umwelt mitbekommt, weil er wie ein Zombie auf sein Smartphone starrt. Eine Jury des Langenscheidt Verlages hat Smombie zum Jugendwort des Jahres 2015 gekürt. Prompt wehrten sich die Jungen. Das Wort finde in der Sprache der Jugendlichen doch gar keine grosse Verwendung, sagen sie. Das mag stimmen. Die Smombies selber kennen wir aber alle. Und: Die Fixiertheit aufs Smartphone ist längst keine Jugendkrankheit mehr. Viele von uns mutieren immer wieder zu Smombies.

Mit dem «Narci-Stick» dem Tod in die Arme rennen

So richtig aufgefallen ist mir das kürzlich bei einem Besuch in Wien. Touristen im Schloss Schönbrunn fuchteln auch im grössten Gedränge mit ihren Smartphones herum. Noch extremer: Mit Smartphones, montiert am verlängerten Arm aus Plastik. In einer Zeit, in der sich so viel um Sichtbarkeit dreht, ist der Selfie-Stick zur Erweiterung des Ichs offensichtlich unerlässlich. Wenn der Wunsch nach Sichtbarkeit in Selbstverliebtheit kippt, nennen wir das ja narzisstisch, auf Englisch narcissistic. Und so hat jemand den Selfie-Stick «Narci-Stick» genannt. Das gefällt mir ganz gut. Aber was sagt das nun über unsere Gesellschaft aus? Sind Selfies und «Narci-Sticks» Beweise für eine ungesunde Sichtbarkeits-Sucht? Oder einfach Symbole für den entspannten Umgang mit dem eigenen Abbild in einer von Social Media geprägten Welt?

Fakt ist: Instagram, Snapchat, Facebook wachsen, und mit diesen Diensten die Abbilder unseres Selbst. Der Versuch, ein möglichst spektakuläres Selfie zu machen – auf einem Hochhaus – einer Klippe –während eines Stierrennens in Spanien – scheint zum Volkssport geworden zu sein. Passend dazu dies: Laut Internet-Magazin «Mashable» sind im vergangenen Jahr mehr Menschen an Selfies gestorben als an Hai-Fisch-Bissen. Erst kürzlich musste gemäss gleicher Quelle ein Nationalpark in Colorado schliessen. Zu viele Besucher hätten sich mit Bären ablichten lassen. Und dann gibt es noch dieses Foto, das ein Affe von sich geschossen habe. Mit dem Makaken-Selfie taucht bei mir die Frage auf, ob der Selfie-Trend ein Fortschritt in der Evolution ist oder vielleicht doch eher ein Rückschritt. So oder so scheint der Trend unaufhaltsam. Es gibt es in den USA bereits Universitäten, die ein extra Social-Media-Portal einrichten. Entsprechend aktive Interessenten werden eher für ein Studium aufgenommen. Wer schon vorher Fotos schicke, identifiziere sich mit der Uni und werde ziemlich sicher das Studium nicht abbrechen, so die Uni.

Besessen von der positiven Bewertung durch die Fans

Doch permanente Sichtbarkeit kann schnell zu einer Scheinwelt führen. Das zeigt der Fall von Essena O’Neill. Die Australierin verdiente Geld mit sexy Bildern im Internet. Der Teenager war ein Social-Media-Star. Dann stieg Essena O’Neill plötzlich aus. Sie gestand ihrer Community unter Tränen, dass sie ein retouchiertes Abbild gezeigt habe. Sie erzählte, dass es oft 100 Versuche gebraucht habe bis zum perfekten Bild, das dann – ach so spontan – als Selfie daher gekommen sei. Dass sie sich als Joggerin inszeniert habe, obwohl sie beim ersten Regentropfen wieder umkehre. Sie sei besessen gewesen von der positiven Bewertung ihrer Fans im Internet und habe 50 Stunden pro Woche darauf verwendet, um ihr künstliches Ich als natürliches Australian Girl zu verkaufen.

Böse Zungen sagen, vielleicht sei dies nur ein cleverer PR-Gag. Denn seit O’Neill ausgestiegen ist, interessieren sich noch viel mehr Menschen für die ungeschminkte Version ihres Lebens.

Egal: Die Geschichte sagt einfach viel aus über unsere Zeit der inszenierten Selbstbilder und permanenten Smartphone-Präsenz. Doch Stopp: Smombies und Selfies hin oder her. Den Kulturpessimisten ist entgegenzuhalten: Auch der Fernsehkonsum und Fernsehbildschirm ist vor Jahrzehnten verteufelt worden. Medienwissenschafter Neil Postman warnte vor dem «unzivilisierten» Bestreben direkter Bedürfnisbefriedigung, vor der drohenden Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt. Trotz seiner Skepsis: Die Welt ist noch nicht untergegangen. Aber das wäre – das mit dem TV – so schreibe ich mit einem Augenzwinkern – eine andere Diskussion. Jetzt aber zurück an die Arbeit. Die Bundesratswahlen sind in wenigen Tagen.

Sind Sie ein Smombie?

Testen Sie, ob auch Sie zu den Smombies gehören.

Schauen Sie mehr als zwei Mal auf Ihr Smartphone während einer 10-minütigen Zugfahrt?

Ja, sogar mehr als zwei Mal.

Nur einmal, aber die ganze Zeit.

Nein.

Machen Sie jeden Tag ein Selfie?

Nein.

Was ist ein Selfie?

Ja, bestimmt.

Fotografieren Sie im Restaurant Ihr Essen?

Hab ich noch nie gemacht.

Ja, jeden Gang.

Nur ab einem Michelin-Stern.

Was machen Sie an einem Konzert?

Das Handy ausschalten.

Ich schalte auf stumm.

Ich filme das Konzert.

Was machen Sie, wenn der Akku unterwegs leer ist?

Ich lade es mit meiner Powerbank auf.

Ich bin beunruhigt.

Ich merke es erst zu Hause.

Wo haben Sie Ihr Smartphone, wenn Sie zur Bushaltestelle gehen?

In der Tasche.

In der Hand.

Ups, zu Hause vergessen.

Spüren Sie manchmal ein Phantomvibrieren in der Hosentasche?

Ja, immer wieder. Ich leide daran.

Selten.

Nein, was ist das?

Wie merken Sie, dass die Sonne scheint?

Ich schaue zum Himmel.

Ich muss das Display heller stellen.

Ich schaue auf mein Wetter-App.

Was tun Sie, wenn Sie in einer fremden Stadt den Bahnhof suchen?

Ich benutzte Google Maps.

Ich schaue auf dem Strassenplan nach.

Ich frage einen Passanten.

Sie sind in Venedig und George Clooney spaziert vorbei, was machen Sie?

Ein Selfie mit ihm im Hintergrund.

Ich mache ein Foto mit dem Smartphone.

Ich schau ihn an, what else?

Wie gratulieren Sie Ihrer Mutter zum Geburtstag?

A) Ich schreibe ihr eine Karte.

B) Ich rufe sie an.

C) Ich schreibe ein Whatsapp.

Was machen Sie mit Ihrem Smartphone an einer Sitzung?

Ich checke möglichst unauffällig die Mails.

Ich google nach wertvollen Inputs für das Gespräch.

Ich habe es ausgeschaltet.

Weniger als 40 Prozent

Hm... wie wärs mit einem Smartphone-Kurs?

Mehr als 60 Prozent

Sorry, Sie sind ein unverbesserlicher Smombie.

Das grosse Smombie Quiz