Kolumne

Schwarzmalen kann töten

Entscheidend ist die Überzeugung des Arztes für die Therapie.

Entscheidend ist die Überzeugung des Arztes für die Therapie.

Die Welt ist erfüllt von Verboten und Warnungen. Ludwig Hasler über die Macht eingebildeter Risiken und medialer Drohkulissen.

Alles ist verboten – nur nicht Schwarzmalen. Vor allem wird europaweit gewarnt: vor Nikotin, vor Alkohol, vor Fett, vor der Wurst. Warum dann nicht vor Schwarzmalen? Klar: Weil dieses Dauerwarnen vor Wein und Wurst und Crème selber Schwarzmalerei betreibt, müsste es vor sich selber warnen. Sollte es, unbedingt. Denn kaum etwas kann so tödlich sein wie Schwarzmalen.

Nur mal ein Beispiel: Auf der Visite sagte der Chefarzt, Patientin Mayer sei wohl ein typischer Fall von TS. TS meint im Jargon eine Verengung der Herzklappe, mit der sich normalerweise leben lässt. Die Patientin aber übersetzte TS mit «terminale Situation». «Das ist das Ende», sagte sie zum Assistenzarzt. Obwohl der das Missverständnis aufklärte, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie bekam Atemnot, in ihren Lungen sammelte sich Flüssigkeit. Der alarmierte Chefarzt wollte dann selber klären, wie seine Bemerkung gemeint war. Als er gegen Abend kam, war sie bereits am Lungenödem gestorben.

Die Macht der Vorstellung in der Heilkunst

Erzählt hat den Fall Bernard Lown, der geniale amerikanische Kardiologe, der den Defibrillator erfand und wie kein anderer die Macht der Vorstellung in der Heilkunst erkannte. Als er Chefarzt wurde, beendete er sofort die Gewohnheit, Patienten nach Operationen wochenlang im Bett liegen zu lassen. Begründung: Wer so lange im Bett liege, verbinde seine Lage unweigerlich mit Bildern von Sterbenden und Toten, melde sich bald ab vom Club der Lebenden. Die Bilanz der Anordnung Lowns: Im Nu sank die Sterblichkeit auf seinen Abteilungen um 60 Prozent. Die Macht der Vorstellung: Steh auf, du bist operiert, wieder gesund, musst dich nur noch daran gewöhnen, also reg dich, beweg dich.

Wir sind nicht der Hanswurst in einem biochemischen Apparat. Wir reden durchaus mit – mit unseren Erwartungen, mit der Bedeutung, die wir unseren Diagnosen zuschreiben. Der eine Patient verbindet mit Chemotherapie eine helle, stärkende Kraft, die ihn heilen kann; der andere denkt, die Behandlung werde ihn vergiften. Menschen funktionieren nicht wie Maschinen. Manche Kranke mit Hüftbeschwerden können kaum gehen – das Röntgenbild sieht aber prima aus. Umgekehrt: Arthrose hat das Gelenk zerfressen – der Mensch aber ist grad auf Bergtour.

Die Macht der Vorstellung. Jede Menge Studien belegen: Nicht die Arznei an sich, nicht die Therapie für sich kuriert den Patienten. Entscheidend ist die Überzeugung des Arztes für die Therapie. Meine Ärztin empfiehlt mir Pillen, sagt, laut Studien schlügen die bei 56 von 100 Patienten an. Was bringt ein 56-prozentiges Vertrauen? Ich will gesund werden, Frau Doktor, dazu brauche ich keine Hausiererin mit Studien, eher eine Heilerin, die glaubt, ich werde gesund. Ihr Glaube nistet sich ein in mein Gehirn. Ein Pakt mit der Unvernunft? Warum nicht? Ich bestehe mehrheitlich aus irrationalen Kräften. Mit ihnen zu paktieren, kann durchaus vernünftig sein.

Mehr Sinn für die Normalität des Durchwachsenen

Die Macht der Vista, die Macht der schwarzen Bilder: Lässt sie sich von der therapeutischen auf die publizistische Branche übertragen? Das Nachrichtengewerbe will uns ja nicht systematisch erschrecken, es will unsere Wachheit und Freiheit alimentieren. Aber lähmt es nicht eher unsere Freiheit, wenn stündlich die Kulisse des Bedrohlichen ausgemalt wird? Was gibt es zu denken oder gar zu tun, wenn in Ecuador erneut ein Flugzeug abstürzt, eine neuseeländische Lehrerin Schüler «schändete», die EZB (nächste Woche, vielleicht) noch mehr Geld in Umlauf bringt, Carlo Janka durch seine Rückenprobleme ausgebremst werden könnte, Charles Vögele doch nicht aus der Krise findet, das Tennis-Finale «im Schatten des Terrors» läuft, Asiens Wirtschaft noch nicht aus dem Dilemma herauskommt … ? Als käme unter irdischen Bedingungen je etwas aus dem Dilemma heraus. Also mehr Positives? Weniger Schwarzmalen. Mehr Sinn für die Normalität des Durchwachsenen. Mehr Futter für Freiheit statt für Ohnmacht. Wie soll Freiheit in Laune kommen, wenn die Welt immer lückenloser dargestellt wird als etwas, das so partout nicht sein sollte?

Patienten reagieren so: Sie lesen im Beipackzettel die endlose Litanei der pechiösen Nebenwirkungen, werfen die Pillen weg – und siechen vor sich hin.

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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