Was tut man in einer fremden Wohnung ohne den Bewohner? Wir wussten es auch nicht genau. Es war Samstagmorgen, bald Mittag. Eben hatten wir den gesamten Hausrat einer Freundin inklusive Pflanzen, Sofa und vielen Büchern in ihre neue WG geschleppt. Nun sassen wir da, die Freundin brachte das Auto zurück.

«Wir warten, bis du wieder da bist», sagten wir und fläzten uns auf die ledernen Sofas in der unbekannten Stube. Nachdem wir die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, begannen wir, unser Umfeld zu analysieren. Wir kannten den neuen Mitbewohner unserer Freundin nicht. Was macht er wohl? Wir sahen nur, wie er lebt.

Aus Müdigkeits- und Pietätsgründen standen wir nicht auf, sondern streckten uns zu den Dingen, die in unserer Reichweite lagen. «Dieser Baum ist aus Plastik, wenigstens abstauben sollte man ihn», sagte einer der Jungs. In meiner Reichweite lag ein Buch mit dem Titel «Damn good advice for people with talent». Gute Ratschläge für Genies also, bestimmt ein Bestseller, von einem solchen Titel fühlen sich sicherlich viele Leute angesprochen, befanden wir. «Das Bild ist ein wenig abstrakt, aber es passt zu meinem Pulli», sagte der Dritte.

Was könnte der Mitbewohner wohl studieren, fragten wir uns. «Industrial Design», sagte einer. Mit dieser Mutmassung schien auf einmal alles sonnenklar: Logisch, schliesslich hat er einen Retro-Ventilator, auch der selbst gemachte Stuhl, ja sogar die rosa Stehlampe machte auf einmal Sinn. Am Schluss stand nur noch die Frage im Raum: «Was würden unsere Bücher oder Bilder wohl über uns verraten?»