Wochenkommentar

Wer sich dazugehörig fühlt, engagiert sich lieber

Bettina Hamilton-Irvine
Am Mittwochmorgen schlug die Polizei bei der An’Nur-Moschee zu.

Am Mittwochmorgen schlug die Polizei bei der An’Nur-Moschee zu.

Ein Imam in der Winterthurer An’Nur-Moschee soll zum Mord an Muslimen aufgerufen haben, die sich nicht an die Gebetszeiten halten. In der Moschee fand deshalb eine Razzia statt, vier Personen wurden festgenommen. Der Vorfall diese Woche hat erneut einen Scheinwerfer auf Muslime in der Schweiz gerichtet. Für sie begann damit – einmal mehr – ein ihnen nur allzu bekannter Spiessrutenlauf: Es wird erwartet, dass sie sich öffentlich von den Extremisten in Winterthur distanzieren, deren Taten verurteilen, deutlich machen, dass sie damit nichts zu tun haben.

Das ist zwar auf den ersten Blick verständlich. Denn was in der An’Nur-Moschee vorgefallen sein soll, erschreckt und verunsichert uns. Wir wollen uns vergewissern, dass die grosse Mehrheit der in der Schweiz lebenden Muslime keine gefährlichen Radikalen sind, die für ihren Glauben töten würden. Doch auf den zweiten Blick ist es eine Zumutung für die Muslime, von denen der allergrösste Teil mit Irrsinn, der sich auf Religion beruft, nicht mehr zu tun hat als die in der Schweiz lebenden Christen, Juden, Buddhisten oder Atheisten. Die Mehrheit der Schweizer Muslime ist nicht einmal religiös. Und der Rest hat nichts mit Gewaltaufrufen am Hut, wie sie in der An’Nur-Moschee geschehen sein sollen. Diese entsprächen auf keinen Fall den Ausführungen im Koran, sagt der Islamwissenschafter Samuel Behloul. In seiner langjährigen Forschung zu Muslimen und zum Islam in der Schweiz sei ihm kein einziger Imam begegnet, der so etwas gesagt hätte. Vorstellen könne er sich das höchstens dort, wo der Islamische Staat herrsche.

«Ich muss büssen für Verbrecher, mit denen ich nichts zu tun habe»

Dass sie sich trotzdem jedes Mal distanzieren sollen, wenn ein Fanatiker sich bei einer irren Tat auf den Islam beruft, ist für viele Schweizer Muslime frustrierend. Nach Anschlägen werden sie auf der Strasse schief angeschaut oder beleidigt, sagte Belkis Osman, Vize-Präsidentin der Vereinigung Islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ), vor zwei Jahren in der Limmattaler Zeitung. «Ich frage mich: Was habe ich diesen Menschen getan? Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und muss büssen für Verbrecher, mit denen ich nichts zu tun habe.»

Rifa’at Lenzin, Co-Präsidentin der Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz, findet, der Rechtfertigungsdruck habe «etwas sehr Fragwürdiges». Wer eine Distanzierung wünsche, impliziere ja doch, dass zumindest eine Sympathie für die Tat da sein könnte. In der Tat: Christen würde es auch nicht in den Sinn kommen, sich von dem als «Hasch-Jesus» bekannt gewordenen Mann zu distanzieren, der im Zürcher Oberland seine Kinder unter Berufung aufs Alte Testament grausam misshandelte.

Dazu kommt, dass es Musliminnen und Muslime in der Schweiz gibt, die sich zwar in privaten Gesprächen von Extremisten distanzieren, jedoch Angst davor haben, dies in der Öffentlichkeit zu tun. Schliesslich töte der IS in erster Linie andersdenkende Muslime, sagte ein Mann gestern dem «Tages-Anzeiger». Zu guter Letzt kann man sich auch fragen, wie sich denn all die vielen in der Schweiz lebenden, kaum religiösen und nicht einer Organisation angehörenden Muslime überhaupt in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Denn der Punkt ist ja gerade: Die meisten von ihnen sind unauffällig, angepasst, haben nichts Lautes, Extremes oder Aufsehenerregendes zu sagen. Wie sollen sie damit Anschläge, Burkadiskussionen und Gewaltaufrufe übertönen? Und auch wenn Moscheen zu einem Tag der offenen Tür oder zu Dialoggruppen einladen, bleibt das Interesse der Öffentlichkeit
daran oft klein.

Eine staatliche Anerkennung würde auch Nicht-Religiösen helfen

Statt Muslime ständig aufzufordern, sich noch stärker, noch lauter von Extremisten zu distanzieren, wäre es für ein friedliches Zusammenleben wichtiger, man würde ihre staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft in der Schweiz vorantreiben. Dies würde Muslime einerseits in die Verantwortung nehmen. Andererseits würde «ein verbindliches Gegenüber» vieles erleichtern, wie die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr kürzlich zum «SonntagsBlick» sagte: zum Beispiel bei Fragen zur Imam-Auswahl und -Ausbildung oder der Finanzierung von Moscheen. Muslimen, auch nicht religiösen, die ja trotzdem normalerweise bei der Geburt, der Heirat oder dem Tod mit Religion in Berührung kommen, würde eine staatliche Anerkennung das Gefühl geben, dazuzugehören. Und wer sich dazugehörig und angenommen fühlt, engagiert und integriert sich auch lieber.

Autorin

Bettina Hamilton-Irvine

Bettina Hamilton-Irvine

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