Ohne Twitter wäre so etwas wie der Mauerfall gar nicht möglich gewesen, frotzelte vor einiger Zeit jemand auf ebendiesem Kurznachrichtendienst. Er wollte damit sagen, dass die politische Wirkung der sozialen Medien masslos überschätzt wird. Politische Bewegungen profitieren zwar von den Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die traditionellen Mittel wie Versammlungen, Streiks oder Demonstrationen können sie aber nicht ersetzen. Ein Beispiel dafür ist der aktuelle Fall des Pferdehofes in Hefenhofen TG. Der verurteilte Tierquäler Ulrich K. hielt in seinen Ställen Pferde, Kühe und Kälber in unhaltbaren Zuständen.

Pferde von Tierquäler Ulrich K.. sollen versteigert werden

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93 Pferde, welche bis letzten Dienstag auf dem Skandalhof von Ulrich K. lebten, sollen schon am Donnerstag verkauft werden. Tierschützer wehren sich dagegen.

In der Community der Tierschützer war dies seit mindestens zehn Jahren bekannt. Der streitbare Verein gegen Tierfabriken dokumentierte minuziös jeden Vorfall auf seiner Website. Und auf Facebook veröffentlichten die Tierschützer zuletzt täglich neue Bilder von den ausgemergelten Tieren. Die Wirkung des Internet-Aktivismus hielt sich aber in engen Grenzen. Die Empörung wurde zwar immer lauter, aber nur in der eigenen Echokammer. Der Aufschrei erreichte kein breiteres Publikum, das sich der Empörung hätte anschliessen können. Der Protest drohte in der eigenen Filterblase zu ersticken.

Erst als ein traditionelles Medium, die Zeitung «Blick», den Fall aufgriff und ein breites Publikum mit den grauenhaften Tier-Bildern konfrontierte, wurde die Echokammer durchbrochen. Die Bilder stammten von einer jungen Frau, die auf dem Hof ein und aus ging und über Monate das Elend der Tiere dokumentierte. Die Thurgauer Behörden wollten das Unrecht immer noch nicht sehen. Tagelang hiess es, man könne nichts tun. Als Ausrede dienten juristische Formalitäten. Wegen einer Schlamperei der Thurgauer hatte das Bundesgericht den Vollzug eines Tierhalteverbots gestoppt. Die Tage verstrichen und Ulrich K. hätte die Gelegenheit gehabt, Beweise wegzubringen. Ob er sie nutzte, ist offen.

Durch Medienberichte befeuert, tobte der Sturm in den sozialen Medien stärker denn je, die Mauern der Thurgauer Amtsstuben vermochte der Shitstorm aber nicht zu durchdringen.

Erst als Menschen ihren Rechner herunterfuhren, sich aus den Bürostühlen und Sofaecken erhoben, ins Auto stiegen und sich an den Ort des Unrechts begaben, wurde der Protest wirksam. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Ignoranz von Kantonstierarzt und Regierungsrat keine Konsequenzen.

Tierquäler Ueli K.: Untersuchungskomission soll weitere Fälle verhindern

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Damit Tierquälerei in Zukunft nicht mehr vorkommt, untersucht jetzt eine externe Komission das Tierschutzgesetz nach Gesetzeslücken.

Nun standen plötzlich Menschen vor dem Hof in Hefenhofen. Sie verhielten sich friedlich, doch die Lage drohte zu eskalieren. Gemäss verschiedenen Zeugen machte Ulrich K. mit einem Auto einen Schlenker aufs Trottoir, wo sich Demonstranten aufhielten. Nur weil sie sich mit einem Sprung zur Seite retteten, gab es keine Verletzten. «Die Behörden mussten handeln, sonst wäre die Lage hier eskaliert», sagte eine junge Frau, als am Dienstag endlich Militär und Polizei die Tiere vom Hof abtransportierten.

Die Versammlung in Hefenhofen schöpfte ihr politisches Potenzial aus der Popularität des Anliegens und aus der Legitimität des Protestes. Menschen lieben Pferde, und das Unrecht war ja von Gerichten bereits festgestellt worden, nur die Ahndung verzögerte sich. Zudem wirkten die Menschen vor dem Hof in Hefenhofen wie besorgte Nachbarn und nicht wie verbissene Tierschützer, die einem die Wurst vom Teller nehmen wollen. Ob der Eindruck auch stimmte oder ob sich Tierschützer bewusst so gaben, ist schwierig einzuschätzen. Es war auffällig, wie energisch die Anwesenden darauf bestanden, keine Tierschützer zu sein.

Dem Hefenhofener Protest gelang es, sein Anliegen durchzusetzen. Plötzlich wurde möglich, was die Behörden bisher immer als unmöglich dargestellt hatten: Der renitente Landwirt Ulrich K. wurde aus dem Verkehr gezogen, und für die über hundert Tiere wurde pragmatisch eine Übergangslösung gefunden. Facebook und Twitter dienten der Versammlung von Hefenhofen zwar als Mittel zur Vernetzung und zum Austausch, das Internet konnte die Pferde aber nicht retten. Es war ein klitzekleines bisschen so wie beim Mauerfall, der bekanntlich komplett ohne Twitter möglich war. Und auch nur, weil die Menschen sich weg vom Fernseher hin zum Ort des Geschehens begaben.