Die Macht des Volkes: Dafür steht das griechische Wort Demokratie. Doch ist ein Los – ein fast wertloses kleines Stück Papier – ein Teil des Volkes? Die Antwort liegt auf der Hand. Und sie lautet ganz klar Nein. Und dennoch muss jetzt in Weiningen das Los entscheiden, ob André Wymann oder Harry Landis den Einzug in den Gemeinderat schafft. Das ist schwer zu akzeptieren. Es bleibt ein unangenehmes Gefühl bei jedem, der die Macht des Volkes hoch hält. Denn ein Stück weit wurde dem Weininger Volk am Sonntag die Macht weggenommen – um sie einem kleinen Stück Papier zu geben. Ein zufälliger Fingergriff in einem flüchtigen Moment stellt nun also die Weichen für eine vierjährige Legislatur.

Aber das allein ist nicht die ganze Geschichte. Denn es gibt noch einen zweiten Teil, der nicht ausser Acht zu lassen ist. Es war das Volk selber, das sich als Ganzes offenbar nicht zwischen Wymann und Landis entscheiden konnte. Und nur die Unabhängigkeit eines Fingergriffs, die Zufälligkeit eines Losentscheids, vermag der Unabhängigkeit des Volkes das Wasser zu reichen. Denn was wären die Alternativen? Ein Stichentscheid des Gemeindepräsidenten etwa? Das hätte am Sonntag sicher einige gefreut, andere wiederum hätte es enttäuscht und mit einem Gefühl der Machtlosigkeit zurückgelassen.

Die einzige Möglichkeit, dieses Gefühl der Machtlosigkeit auf nachvollziehbare Art zu verhindern, wäre die Vorschrift, dass bei einem Unentschieden zwischen zwei Kandidaten ein zweiter Wahlgang durchgeführt wird. So würde die Macht des Volkes zum Tragen kommen. Doch dieses Gesetz fehlt. Warum? Wer hat sich wann was gedacht, als dieser Losentscheid zur Gesetzesvorschrift wurde?

Ob all dieser Fragen könnte man schnell verzagen. Doch es gibt auch Trost. Denn der Fall Weiningen zeigt: Jede Stimme zählt! Jeder Bürger und jede Bürgerin hat etwas zu sagen! Ausser jetzt, wo das Los entscheidet.