Die Limmattalbahn ist die Mutter allen Übels – oder die Lösung aller Probleme. Sie verursacht noch mehr Wachstum – oder lenkt es auf den richtigen Weg. Sie ist jetzt schon veraltet – oder der Verkehrsträger der Zukunft. Ihr müssen Bäume weichen – und danach werden neue gepflanzt. Sie wird zu Unfällen führen – oder nicht, weil man aus den Erfahrungen mit der Glattalbahn gelernt hat. Sie bodigt die Demokratie – und entspricht dem kantonalen Volkswillen. Ja, die Limmattalbahn hat viele Gesichter. Sie ist eine Projektionsfläche der Angst und ein Quell der Hoffnung.

Welches Gesicht ist nun ihr wahres? Das scheint – gerade im Limmattal – im Auge des Betrachters zu liegen, egal wie die jeweils andere Seite argumentiert. Denn die Meinung wurde bereits gemacht, schon vor Jahren. In Zürich Altstetten gab es 2015 ein Ja zur Bahn, in Schlieren, Dietikon und Urdorf ein Nein und im Aargau gab es gar kein Referendum. Dass es dort ausgeblieben ist, lässt sich als Unterstützung aus Killwangen und Spreitenbach interpretieren.

Was hat sich geändert seit 2015? Zum einen sind die erwähnten Resultate der Volksabstimmung aus dem Jahr 2015 bekannt. Zum anderen hat die SVP – notabene die stärkste Partei überhaupt im Zürcher Limmattal – umgeschwenkt. Während sie sich vor drei Jahren mehrheitlich gegen die Limmattalbahn stellte, ist sie jetzt dafür.

Diese Richtungsänderung kommt nicht überraschend. Denn eine Volkspartei, die sich so oft wie keine andere auf den Volkswillen beruft, kann sich nicht gegen einen Volksentscheid stellen – sonst wäre sie inkonsequent und würde ihr Gesicht verlieren. Zudem sieht sie in den Strassenmassnahmen, die mit dem Gesamtverkehrsprojekt einhergehen, einen Vorteil für die Autofahrer.

Nicht geändert haben sich hingegen viele Argumente. Gegner der Limmattalbahn pochen weiter darauf, dass niemand sie benutzen werde, um von Killwangen nach Zürich Altstetten zu fahren. Doch dafür ist sie gar nicht gedacht. Ein Tram oder eine Stadtbahn wird nicht dafür gebaut, dass man ewig darin sitzen bleibt. Wer fährt, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem 10er-Tram vom Hauptbahnhof zum Flughafen? Niemand. Die Limmattalbahn soll mitunter den Bus 303 von Schlieren nach Killwangen ersetzen – und anders als die Busse nicht im Stau stecken bleiben, der sich zur Hauptverkehrszeit ergibt.

Die Limmattalbahn bringt je nach Abfahrtsort attraktivere Verbindungen zum Spital Limmattal, zur Kantonsschule, in andere Quartiere – nicht zuletzt ins Dietiker Niderfeld, das ohne die Limmattalbahn so nicht denkbar wäre –, und vor allem zu den Bahnhöfen. Die Limmattalbahn ist daher kein S-Bahn-, sondern ein Bus-Ersatz und ein S-Bahn-Zubringer. Ziel ist eine grössere Fahrplansicherheit und eine bessere Verteilung der Pendler. Zudem geht mit der Limmattalbahn eine Taktverdichtung im Busnetz einher, um die Querverbindungen zu stärken, so etwa aus dem rechten Limmattal.

Oder ist es, wie die Gegner sagen? Dass die Limmattalbahn den Verkehrskollaps verschlimmert? Sind alle Planer unfähig? Oder ist etwas Vertrauen angebracht? Fragen über Fragen.

Wachstum lokal bekämpfen: Das wird nicht funktionieren

Die grösste aller Fragen ist die Wachstumsfrage. Wachstum kann man gut finden oder nicht. So wie man Kapitalist oder Kommunist sein kann. Doch ist die Limmattalbahn die Wurzel des künftigen Wachstums – so wie es die Stopp-Initianten sehen? Oder lenkt sie es in die richtigen Bahnen, strukturiert den Raum so, dass sich das Wachstum an die richtigen Orte verteilt – so wie es die Gegner der Initiative sehen?

Klar ist: Das Wachstum auf lokaler Ebene zu bekämpfen, wird nicht funktionieren. Die übergeordnete Raumplanung von Bund und Kanton arbeitet – aufgrund von demokratischen Entscheiden – schon längst darauf hin, dass urbane Räume wie das Limmattal einen Grossteil des Wachstums aufnehmen müssen.

Die lokalen Behörden richten sich danach, mit dem Ziel, dass das Limmattal möglichst einen Gewinn daraus zieht – etwa indem die Entwicklung alte Wohnungen durch neue ersetzt, sodass Sozialkosten sinken und Steuereinnahmen steigen.

Bleibt die Frage nach Demokratie und Selbstbestimmung. Sollen nur Betroffene abstimmen? Und was heisst «betroffen»? Ist ein Schlieremer, der entlang der ersten Bahn-Etappe wohnt, auch betroffen von der Abstimmung über die zweite Etappe? Und warum dürfen die Limmattaler Fans nicht übers Hardturmstadion abstimmen?

Wer den Abstimmungszettel für den 23. September ausfüllt, dem gehen viele Fragen durch den Kopf, viele Prognosen. Die Limmattalbahn wird ihr wahres Gesicht erst zeigen, wenn sie zwischen Zürich Altstetten und Killwangen-Spreitenbach hin- und herfährt. Klar ist: Auf einer der beiden Seiten steht das Gewerbe und die Wirtschaft, die definitiv kein Interesse an einem Verkehrskollaps hat.