Vielleicht sind auch Sie mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gerutscht – und der ernüchternden Vermutung: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Fest steht: Politisch werden die Wahlen das Jahr 2015 prägen. Am 12. April finden im Kanton Zürich Kantons- und Regierungsratswahlen statt. Und am 18. Oktober folgen die National- und Ständeratswahlen.

Schon jetzt ist klar: Ein Generationenwechsel steht an. Die Babyboomer scheiden aus der Politik aus. Gemeint ist jene Generation, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt kam. Der Kalte Krieg, das Rebellionsjahr 1968, das Aufkommen der Umweltbewegung, wiederholt wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Ölschock von 1973, der Kampf ums Frauenstimmrecht, eine zunehmende Migration, Ansätze einer multikulturellen Gesellschaft: Das waren die grossen Themen, mit denen diese Generation aufwuchs. Sie prägten auch die Politlandschaft, die sich nun neu formiert.

Zwei Frauen aus dem Regierungsrat

Aus dem Zürcher Regierungsrat treten gleich zwei Bisherige ab: Ursula Gut (FDP, Jahrgang 1953) und Regine Aeppli (SP, Jahrgang 1952). Zwei Frauen. Mit unterschiedlichem Werdegang. Gut entstammt dem klassisch-freisinnigen Milieu der Goldküste, das sich so umreissen lässt: wirtschaftsnah, wohlhabend – und daran gewöhnt, auch politisch das Sagen zu haben. Aeppli wuchs ebenfalls am rechten Zürichseeufer auf, orientierte sich dann aber in Richtung urbanes Zürich. Bei einem USA-Aufenthalt im Woodstock-Jahr 1969 wuchs ihre Faszination für verschiedene Lebensstile, schreibt Aeppli. Als sie sich nach dem Studium in der SP engagierte, erschien ihr diese als angestaubte Arbeiterpartei mit allmächtigem Gewerkschaftsflügel.

Es lohnt sich, diese Hintergründe zu bedenken. Zum einen im Hinblick auf die Nachfolge der beiden scheidenden Regierungsrätinnen. Zum anderen, wenn man im Wahljahr das Augenmerk auf den Wandel der Parteienlandschaft richtet. Zur Nachfolge im Zürcher Regierungsrat: Es dürften wohl wieder zwei Frauen sein, darauf deutet das Feld der Kandidierenden klar hin: Die FDP schickt die Stadtzürcherin Carmen Walker Späh (Jahrgang 1958) ins Rennen, die SP Jacqueline Fehr (Jahrgang 1963) aus Winterthur. Die CVP greift mit der Stadtzürcherin Silvia Steiner (geboren 1958) nach dem Regierungsratssitz, den ihr Parteikollege Hans Holenstein 2011 an die Grünen verlor. Steiner attackiert in erster Linie Regierungsrat Martin Graf (Grüne). Ausser ihm sind die Bisherigen (zwei SVP-, ein SP-, ein FDP-Regierungsrat) weitgehend unangefochten.

Die Aussenseiter der kleinen Parteien

Die Kandidaten von BDP, EVP und AL – allesamt Männer – gehen als Aussenseiter in den Wahlkampf. Dies liegt in erster Linie daran, dass ihre Parteien eine relativ kleine Wählerbasis haben. Die Ausgangslage zeigt aber auch: Der Anspruch der Frauen auf politische Macht ist inzwischen selbstverständlich. Was zudem auffällt: Die Favoritinnen für die zwei sicher frei werdenden Regierungsratssitze sind Städterinnen. Man kann dies als Reflex auf die in den letzten Jahren zunehmende Verstädterung sehen. Das urbane Milieu gewinnt jedenfalls 2015 im Regierungsrat politisch an Gewicht.

Zu den Parteien: FDP und SP sind längst nicht mehr das, was sie waren, als Gut und Aeppli politisch gross wurden. Der Freisinn musste seine politische Vormachtstellung im bürgerlichen Lager an die SVP abgeben. Zudem machen ihm seit den Wahlen 2007 die Grünliberalen ernsthaft Konkurrenz. Zwar konnte die FDP ihren Niedergang zuletzt stoppen. Doch in der Parteienlandschaft befindet sie sich weiterhin in der ungemütlichen Sandwich-Position zwischen SVP und GLP: Der Zürcher Freisinn ist liberal, aber weder nationalkonservativ noch auffällig grün. Aus dieser Sandwich-Position herauszuwachsen, dürfte schwierig sein. Zumal mit Ständerat Felix Gutzwiller (Jahrgang 1948) im Wahljahr 2015 nebst Gut ein weiteres freisinniges Zugpferd abtritt.

Eine überzeugende Wachstumsstrategie ist auch bei der SP nicht auszumachen. Sie verhält sich primär als linksgrüner Kontrapunkt zur wackeligen bürgerlichen Mehrheit im Kanton Zürich. Die SP hat aber, ähnlich wie der Freisinn, ihre Verankerung in einem klar definierten gesellschaftlichen Milieu längst verloren. Zudem buhlen bei den Parlamentswahlen auch Grüne und AL um Stimmen im linken Lager, während rechts der Mitte die GLP lauert. Mehr als Besitzstandswahrung auf Regierungs- und Parlamentsebene liegt für die SP im Wahljahr 2015 wohl nicht drin. Das weiss auch die nach der SVP zweitstärkste Zürcher Partei. Auf eine dritte Regierungsratskandidatur neben Mario und Jacqueline Fehr verzichtete die SP daher.

Wachsen die kleinen Parteien weiter?

Zurück zum Generationenwechsel: Dazu gehört auch das Aufkommen der noch jungen Parteien GLP und BDP. Sie stehen für einen Generationenwechsel in der Parteienlandschaft: Die GLP kam nicht zuletzt deshalb auf, weil die FDP das Thema Ökologie verschlafen hatte. Die BDP, weil die SVP blocherscher Prägung vielen konservativen Wählern zu extrem war. Ob die neuen Parteien weiter wachsen, stagnieren oder schrumpfen, wird eine der spannendsten Fragen des Wahljahrs 2015. Schliesslich sind es zumeist sie, die im Kantonsrat entweder der rechten oder – seltener – der linken Ratsseite Mehrheiten beschaffen.

Das Thema Generationenwechsel beschäftigt auch die Zürcher SVP: Die Generation um Christoph Blocher, die den Aufstieg der SVP in den letzten Jahrzehnten begleitete, ist nahe am oder bereits im Rentenalter. Dies betrifft vor allem die Zürcher SVP-Delegation im Nationalrat. Deren alte Haudegen Toni Bortoluzzi, Max Binder, Hans Fehr (alle Jahrgang 1947) und Ernst Schibli (Jahrgang 1952) sind parteiintern unter Druck, Platz für Jüngere zu machen. Ob sich der eine oder andere von ihnen dem Druck beugt, bleibt abzuwarten. Sie könnten sich ein Beispiel an zwei Limmattaler SVP-Kantonsräten nehmen: Willi Haderer (Jahrgang 1944) und Hanspeter Haug (Jahrgang 1950) treten 2015 nicht mehr an.