Der in den Deutschschweizer Kantonen auf dem Prüfstand stehende Lehrplan 21 will nun aber nicht nur Wissen, sondern in erster Linie Kompetenzen vermitteln. Diese Abkehr vom Bestehenden und durchaus bewährten Prinzip ruft Widerstand hervor und natürlich Besserwisser auf den (Lehr-) Plan. Die einen kritisieren, dass die Schüler zu wenig lernten, andere, dass der Lehrplan zu ideologisch gefärbt sei, wieder andere, die Reform sei zu teuer. Auch diese Reaktion ist irgendwie logisch. Unlogisch ist hingegen, dass öffentlich vornehmlich diskutiert wird, was am Lehrplan 21 gut oder schlecht ist, anstatt, was unsere Kinder und Jugendlichen im Leben bestehen lässt.

Alte Wahrheit: Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule

Doch, was ist der Lehrplan 21? Es ist der gemeinsame Nenner aller 21 Deutschschweizer Kantone und Ausdruck des Bestrebens, die seit 150 Jahren kantonal geprägte Schullandschaft zu harmonisieren. Zumindest zu 80 Prozent, der Rest bleibt in der Gestaltungshoheit der Kantone. Im Oktober noch wollen die Erziehungsdirektoren den Lehrplan zuhanden der Kantone verabschieden. Im Kanton Zürich ist dessen Einführung frühestens ab Schuljahr 2017/18 geplant, die Umsetzung soll gestaffelt bis 2021 erfolgen.

Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule. Wieder so ein logischer Sinnspruch. Doch welche Anforderungen sind denn nun gefordert? Um Wissen zu vermitteln, müssen wir uns erst einmal darauf einigen, welches Wissen wir vermitteln wollen. Das aber ist gar nicht so einfach.

Vergegenwärtigen wir uns, wie sehr sich das gesammelte Wissen vermehrt hat. Als die Aufklärer im 18. Jahrhundert damit begannen, das Wissen der Welt zwischen Buchdeckel zu pressen und dies Enzyklopädie zu nennen, standen einige Bände im Regal. Die Technologisierung der Welt hat das gesammelte Wissen explodieren lassen. Es ist als Daten gespeichert und würde heute, in Buchform präsentiert, ganze Städte aus Bibliotheken füllen. Um sich das ganze Wissen anzueignen, bräuchte man viele Leben – doch wir haben nur eines. Jeglicher Versuch ist also zum Scheitern verurteilt. Es ändert nichts an der Ausgangslage, wenn wir zuvor nützliches Wissen von vermeintlich unnützem zu trennen versuchen.

Es gibt einen vielversprechenderen Weg, als aus dem Ozean der Gelehrtheit die richtigen Tropfen für die Wissensdurstigen in der Schule zu schöpfen. Kinder und Jugendliche sollen in der Schule lernen, im Wissen zu schwimmen, sich darin zu bewegen, damit sie stets Oberwasser behalten. Damit rücken Kompetenzen in den Fokus.

Was muss ein Kind können? Es muss sich in einer komplexen, informationsüberfluteten Umwelt zurechtfinden, Informationen schnell und zweckorientiert suchen, gewichten oder verarbeiten und dann für sich und andere die richtigen Schlüsse daraus ziehen können. Schliesslich muss es aus der Erkenntnis konkretes Handeln ableiten können.

Vor allem ist der Umgang mit Wissen zu lernen

Gefragt sind also Fähigkeiten, Kompetenzen. Im Lehrplan 21 sind solche Beispiele aufgelistet: «Mit anderen Menschen zusammenarbeiten», «sich in der Welt orientieren», «Verstehen von Sachtexten», «Erforschen und argumentieren, mathematisieren und darstellen», aber immer noch «schriftliche Texte verfassen». Das Gute an den Kompetenzen: Sie funktionieren wertfrei. Ob der Schule ein humanistisches Weltbild zugrunde liegt oder ein ökonomisches, ist zweitrangig. Wissen ist Macht, gilt also nur noch bedingt. Macht hat in Zukunft, wer die Kompetenz hat, mit Wissen umgehen zu können. Diesem Umstand trägt der Lehrplan 21 Rechnung. Er greift damit ein immens wichtiges Thema für die Zukunft unserer Kinder auf.