Beim Thema ADHS und Ritalin müssen sämtliche Alarmglocken läuten. Denn beim Zappelphilipp unter unseren Kindern wird nicht nur häufig ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine Hyperaktivität diagnostiziert, er wurde in den letzten Jahren auch immer häufiger mit Ritalin behandelt. Das Medikament stellt die Kinder ruhig – sofern die Diagnose stimmt. Sowohl Krankheit als auch Medikament sind heute in aller Munde und finden in der Gesellschaft grosse Aufmerksamkeit. Diese ist gar so gross, dass die Jugendberatung des Bezirks Dietikon am 16. September eine Vortrags- und Diskussionsreihe für Eltern startet. Am Ende ist nicht einmal klar, ob es sich bei ADHS nicht doch um eine eingebildete Krankheit handelt.

Für die Jugendberatung ist klar: Es geht oft ohne Ritalin

Es lässt sich festhalten, dass die Aufmerksamkeit, die dem Thema zuteilwird, aufs Schärfste mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse kontrastiert. Eine Diagnose erfolgt nämlich aufgrund ungenauer Kriterien. Zudem macht der Erfolg des Medikaments stutzig. Die verschriebenen Mengen des auch im Ritalin enthaltenen Stoffes Methylphenidat sind zwischen 2005 und 2011 explodiert und haben sich seither auf hohem Niveau eingependelt. Dabei ist die Wirkung des Inhaltsstoffs umstritten. Medikamentenabhängigkeit und Nebenwirkungen werden wenig thematisiert.

Weiter ist in der Schweiz nicht einmal bekannt, wie viele Kinder unter dieser Krankheit überhaupt leiden sollen. Für diese Unkenntnis wurde unser Land vom UNO-Kinderrechtsausschuss sogar gerügt. Im Kanton Zürich könnten es etwas mehr als 5 Prozent sein, so eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Tatsächlich aber monieren Kritiker, dass die Diagnose ADHS zu schnell gestellt und zu oft mit Ritalin behandelt werde. So auch Bernhard von Bresinski von der Limmattaler Jugendberatung. Es gebe oft auch andere Möglichkeiten, mit der Krankheit umzugehen.

Trotz all dieser Skepsis. Es gibt sie, die Erfolgsberichte, die aufzeigen, dass sich die Situation von handlungsaktiven und wahrnehmungsstarken Kindern und Jugendlichen dank Ritalin verbessert hat. Das macht die Situation nicht transparenter, im Gegenteil. Die Verwirrung scheint perfekt.

Der zweifelhafte Erfolg von der Krankheit ADHS und des Novartis-Produkts Ritalin kann auch als Ausdruck unserer Zeit verstanden werden. Einer Zeit, die jegliche Abweichung von der 08/15-Norm als Bedrohung empfindet und diese pathologisiert. Es ist eine Zeit, die von Rationalisierung und Effizienz schwärmt, in der die industriell-serielle Fertigung keinen Spielraum für minimale Abweichungen zulässt. Es ist eine Zeit, die persönliche Individualität als erstrebenswert verherrlicht, um dann doch jeden Kopf abzuschlagen, der aus der Masse herausragt. Erst kürzlich wurde in einer Zeitung Biederkeit zum Trend erhoben, wo doch früher eine Frisur nicht grell genug sein konnte.

Das alles gilt auch für das Klassenzimmer. Wenn ein Schüler nicht bis zur Pause ruhig und konzentriert dem Unterricht folgt, dann gilt er als Problem. Der «Beobachter» zitiert den Kinderarzt und Erziehungsexperten Remo Largo: Weil Kinder den Erziehungsvorstellungen und Leistungsanforderungen nicht gerecht würden, bekämen allzu viele Ritalin verabreicht. Und weiter: «Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen. Die Kinder sind so, wie sie schon immer waren.»

Kaum mehr eine Problemlösung ohne Spezialisten

Gesunken ist aber nicht nur die Toleranz jenen gegenüber, die «etwas anders» sind. Gesunken ist auch die Kompetenz, ein Problem ohne Beizug von Spezialisten zu lösen. Diese Ansicht vertritt der Gesundheitswissenschafter Peter Rüesch gegenüber der Limmattaler Zeitung.

Doch am Ende könnte die Aufmerksamkeitsstörung auch mit der Digitalisierung zusammenhängen. Die Krankheit wurde parallel zur Ausbreitung des Internets in den 1990er-Jahren bekannt und damit jener Errungenschaft, die eine Informationsflut ausgelöst hat. Bei empfindlichen Menschen könnte diese durchaus zu einer Überlastung und damit zu einer Beeinträchtigung der Konzentration führen. Doch bis exaktere Erkenntnisse vorliegen, wäre es angebracht, dem Thema zwar die notwendige Aufmerksamkeit entgegenzubringen, aber etwas weniger Hyperaktivität in der Diskussion zu zeigen.